Montag, 20. Februar 2012

Epitaph für M.

Den Haien entrann ich
Die Tiger erlegte ich
Aufgefressen wurde ich
von den Wanzen.

(Bertolt Brecht)

Freitag, 17. Februar 2012

Anweisungen

Wie Experten behaupten,
genügt es heute nicht mehr,
falls du gesund und fit
bleiben
und lange leben möchtest,
daß du Vater und Mutter ehrst,
wie das vierte Gebot es befiehlt,
sondern du mußt daneben täglich
noch zehn Minuten turnen,
im Wald spazierengehen
und tief und und durch die Nase atmen,
du mußt täglich zweimal die Zähne putzen,
gurgeln und mindestens
einmal im Jahr zum Zahnarzt gehen,
du darfst keinen Alkohol,
sondern nur Milch trinken,
darfst nicht rauchen,
mußt mäßig und nicht
zu fett essen,
du darfst dich nicht
allzuviel mit Politik beschäftigen,
dess es ist statistisch erwiesen,
daß Politiker gefährlich leben.
Und so wirst du so lange
leben, bis du stirbst.

(Gustav Janus)

Mittwoch, 15. Februar 2012

Für Muna

Du wirst das Meer fragen, wohin es fließen wird
wirst dem Sonnen
strahl ein Kleid anziehen
den Wolken Pfefferminzgeschmack einstreichen
den Bäumen ihre Winde um die Ohren wehen
die Tage werden in den Rücken wachsen
und lieben wirst du
genau wie ich.

(Carmen Caputo)

Freitag, 10. Februar 2012

lichtung

manche meinen,
lechts und rinks
kann man nicht
velwechsern.
werch ein illtum!

(Ernst Jandl)

Donnerstag, 9. Februar 2012

Ich schreibe, weil ich schreibe,
und wenn mir das genügt als Motiv,
muss es allen genügen;
niemandem muss, was ich schreibe genügen,
aber allen muss genügen,
was ich davon sage, warum.
Warum jemand liest, was ich schreibe,
falls es jemand tut,
ist seine Sache;
warum ich schreibe, was ich schreibe,
meine.

(Ernst Jandl)

Mittwoch, 8. Februar 2012

Im Café

Du siehst verändert aus. Die Jacke
ist neu, die Frisur, das Spiel um
Verlässlichkeit in der Erscheinung, flugs
geglättete Brauen und ein Lächeln als
Trinkgeld für einen halbwahren Satz.
Wir trinken Café und alles Olé.
Rosinen fallen herunter und das Ernste,
das längst stimmige Muster war in der
Betrachtung der Stille, verschließt
unsere Knie unter dem Tisch.
Unbekannt ist das Wirken der Tintenfische
in großer Tiefe. Das Ich hängt sich eine
Laterne um und geht spazieren.

Die Karriere als Leckstein der salzlosen
Tage glänzt hinterm Leder Tasche.
Wir trinken Café und Olé.
Und schließlich und wie immer an diesen
Stellen vielfach falsche Gewissheit.
Sie kämmt was wir sagen wie einen Scheitel
in das Haar des Moments.

(Frank Milautzcki)

Dienstag, 7. Februar 2012

Timetable

Diese Flugzeuge
zwischen Boston und Düsseldorf.
Entscheidungen aussprechen
ist Sache der Nilpferde.
Ich ziehe vor,
Salatblätter auf ein
Sandwich zu legen und
unrecht zu behalten.

(Günter Eich)

Montag, 6. Februar 2012

Warum ich schreibe? Weil ich von Kindheit an Lust dazu habe und vielleicht nach und nach die Begabung.
Für wen ich schreibe? Für alle Menschen, die entwicklungsfähig sind oder durch meine Bücher entwickelt werden.
Vorbilder aus der Literatur? Ich habe sehr viel gelernt von Kleist, Büchner und vielen anderen. In jeder Epoche meines Schreibens macht ein anderer Schriftsteller besonderen Eindruck auf mich.
Zuschriften? Ich erhalte andauernd eine Menge, die ganz verschiedenen Charakter haben.
Viele Leser haben sich gefreut, viele wurden ärgerlich. Manche stellen Fragen, die sie bedrücken.
Beeinflusst durch Reaktionen aus der Leserschaft? Selbten bewusst beeinflusst.
Was Sie Wertung nennen, verstehe ich nicht ganz. Ich finde eine Einordnung oder Reihenfolge von Künstlern ziemlich unsinnig. Ganz unsinnig, ja unmöglich, wäre es, sich selbst einzuordnen.
Ich schreibe, solange ich arbeitsfähig bin.

(Anna Seghers)

Freitag, 3. Februar 2012

Bürolisten

da ihre seelen traurig grundiert waren
arbeiteten sie ziemlich gewissenhaft
erledigten ihr tägliches pensum im büro
fast immer fast immer
zur zufriedenheit der vorgesetzten
sie intrigierten nicht
sie begehrten kaum auf
pünktlich erschienen sie
pünktlich verschwanden sie
(wohin denn? niemand fragte)
und hießen z.b.
kavafis kafka pessoa


(Kurt Marti)

Donnerstag, 2. Februar 2012

Daheim -
das ist überall,
wo etwas wartet.
Ein Ort,
ein Name,
der Antwort gibt.

Etwas, das lebt.

Und Liebe -
der dunkle Glanz
in den Augen.

(Alois Hergouth)
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