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Süße Person

Süße Person,
faß deine Seele an und komm,
wir wollen morgen mit einer Bimmelbahn
hinausfahren an ein Meer
und Schneckenhäuser sammeln.

Sei nicht ängstlich, greif
nach dem reiselustigen Fisch im Wasser -
mit dem Tropfenüberschuß
des letzten Regens der Erde
wasche ich dir die Augen aus,
denn du hast kein Recht zu weinen,
bevor du nicht tot bist
und ein Stern dir sagt: Weine nun, Engel!

(Christoph Meckel)

Es ist Advent

Im Tale sind die Blumen
nun verblüht
und auf den Bergen
liegt der erste Schnee.
Des Sommers Licht und
Wärme sind verglüht,
in Eis verwandelt
ist der blaue See.
Wie würde mir mein Herz
in Einsamkeit
und in des Winters Kälte
angstvoll gehen,
könnt ich in aller
tiefen Dunkelheit
nicht doch ein Licht
in diesen Tagen sehn.
Es leuchtet fern und
sanft aus einem Land,
das einstens voll von
solchen Lichtern war,
da ging ich fröhlich an der
Mutter Hand
und trug in Zöpfen
noch mein braunes Haar.
Verändert hat die Welt
sich hundertmal
in Auf und Ab - doch sieh,
mein Lichtlein brennt!
Durch aller Jahre Mühen,
Freud und Qual
leuchtet es hell und schön:
Es ist Advent!

(Friedrich Wilhelm Kritzinger)
der kaffee macht milchhaut
deine haut mag ich
auch das auweh des
sehens/ sehnens
als wär ich das offene
einer tür/
/ nein, man wird sagen ich
fälsche/

(Sophie Reyer gefunden bei Fixpoetry)

Winternacht

Der Winter ist gekommen
und hat hinweggenommen
der Erde grünes Kleid;
Schnee liegt auf Blütenkeimen,
kein Blatt ist auf den Bäumen,
erstarrt die Flüsse weit und breit.

Da schallen plötzlich Klänge
und frohe Festgesänge
hell durch die Winternacht;
in Hütten und Palästen
ist rings in grünen Ästen
ein bunter Frühling aufgemacht.

Wie gern doch seh ich glänzen
mit all den reichen Kränzen
den grünen Weihnachtsbaum;
dazu der Kindlein Mienen,
von Licht und Lust beschienen;
wohl schönre Freude
gibt es kaum.

(Robert Reinick)

Alles still!

Alles still! Es tanzt den Reigen
Mondenstrahl in
Wald und Flur,
und darüber thront
das Schweigen
und der Winterhimmel nur.

Alles still! Vergeblich
lauschet man der Krähe
heisrem Schrei.
Keiner Fichte Wipfel rauschet,
Und kein Bächlein
summt vorbei.

Alles still! Die Dorfeshütten
sind wie Gräber anzusehn,
die, von Schnee bedeckt,
inmitten eines
weiten Friedhofs stehn.

Alles still! Nichts
hör ich klopfen
Als mein Herze
durch die Nacht -
heiße Tränen niedertropfen
auf die kalte Winterpracht

(Theodor Fontane)

dornresal

schlaf zua:

i bin koa brinz,
i hob koa schweat
& hob koa zeid
zum heggnschneidn
mauergraxln
busslgeen
& heiraden.....

i muas moang fruah
in d orwad gehn
(sunsd fliage naus)

i muas zum drama
aufn sonndog wortn
& zum denga aufn urlaub.

schlaf zua
& draam de näxdn hundad johr
vom richdign.

(Josef Wittmann)
Und in deiner Sprache, wie
sagt man da "Tod"?
Reimt sich´s da auch auf "vom
Aussterben bedroht"?
Und doch schön zu spüren, dass
niemals was stirbt,
und das Wort "Tod" nie das
letzte sein wird.
Der Tod ist ein Seitensprung,
mehr a scho ned.
Du schlafst ein und wachst auf,
nur in an anderen Bett.
Das schöne Wort "Tod", schön
wie ein Stern,
in deiner Sprache möcht ich´s
gern hör´n;
Du mein riesiger Freund, da
drinnen im Meer.

(Ludwig Hirsch)
Ich ließ meinen Engel
lange nicht los,
und er verarmte mir
in den Armen
und wurde klein,
und ich wurde groß:
und auf einmal war
ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.

Da hab ich ihm
seinen Himmel gegeben,-
und er ließ mir das Nahe,
daraus er entschwand;
er lernte das Schweben,
ich lernte das Leben,
und wir haben langsam
einander erkannt......

(Rainer Maria Rilke)
wüsste gerne was man
der anschmiegsamen silbe
alles brechen muss/damit sie
endlich aufhört diese magere
katze anzuhimmeln die/jedes
mal die klinkelose fensterseite
hinüber/schleicht//
dreh dich um/du liegst im bett
auf deinen augen

(aus dem Gedicht "morgendlich" von David Schuller - Gewinner des Kärntner Lyrikpreises 2011)
Schweigen vom schwarzen spritzer getroffen
bis zur seele im klaren kristallenen tag.
von den schattenbruchstücken gelegter klang
in die magnetnacht, die traumstriche

verglühter energien aus uns in ihr,
reifkalte kraftlinien des lichts,
gespreizt, tausendfingrig, in die luft,
die schwanger von den winden, von den jahren schwer

(augen in augen: hängende brücke der weite
zum weiß gespannt aus der gewichtigkeit
und vom übergehen hell)

wacht mit kühlem schoß ohnen laute
zwischen und, mit dem wegküssen der erde
immer näher, ausgewaschen in vollkommene materie.

(Niko Grafenauer)

Ein Stück Himmel

Wir sollten
am Abend
vor das Haus treten,
tief die Luft einatmen
und den Blick
zum Himmel richten; dem Gesang des Vogels
auf dem Dach lauschen
und das milde Licht der Abendsonne
fühlen.
Wir sollten
beim Schließen der Türen
nicht vergessen,
etwas davon mit ins Haus zu nehmen,
vor allem
ein Stück des Himmels.

(Peter Helbich)

siebenseidig

traumlichttrunken bist du
aus matt entwachsen
gelebte wurzeln drehn sich um
raue wege endlich wunschfrei
hinterm tag

deck mich zu mir ist so
kalt vor lauter welt
dann sind wir wahr und
bleiben leise unser
stauraum

(Gabriele Schmiegelt)

touristen strömen

touristen strömen durch die altstadt
dem fluss entlang zum bellevue
quellen über brücken und stellen sich
vor kirchen meinem tag in die quere

auf wie vielen ferienvideos
schnappschüssen mein hinter-
kopf ein arm ein lächeln gar
geschenkt einem weitgereisten

(Simon Froehling gefunden bei fixpoetry)

krach ist ein anfang glück ein simpler akkord

im rücken der augen rollen bässe wuchten
uns ineinander jahrelang bin ich gelaufen für
dieses konzert du kamst aus der gleichen
richtung und den rest könnt ich mir denken

sagst du so leis dass ichs kaum versteh und
vielleicht nur annehmen will weil deine
hände den meinen die reisen ablesen als
wären es ihre eignen und der himmel rockt
und lärmt und bleibt in allem ein punkt der

sich seinen irokesen in regenbogenfarben
lackiert metaphorisch gesehen tanzen wir auf
dünnem seil hören die wellenreiter lästern
keinen cent wert ist uns ihr geblöke vivamus
atque amemus campino krakeelt was zählt

(C.W. Bauer)
Glück gibt es nur, wenn wir vom Morgen nichts verlangen und vom Heute dankbar annehmen, was es bringt, - die Zauberstunde kommt doch immer wieder.

(Hermann Hesse, aus einem unveröffentlichten Brief 1922)

herbst

herbst sagst du
aber ich sage dir
nicht oktober nicht november
du musst einen neuen kalender erfinden
ein andres alphabet
eine sprache die einhalt gebietet
denn die zeit fällt
fällt ins unabsehbare
und wir fallen mit ihr

(Rose Ausländer)

Differenzierung, Rue d´Avron

Die Bruchstücke deines Lebens liegen verstreut auf dem Tisch:
Ein Päckchen Taschentücher, halb geleert,
Ein wenig Verzweiflung und deine zweiten Schlüssel;
Ich weiß noch, wie begehrenswert du warst.

Der Sonntag entfaltete seinen leicht klebrigen Schleier
Über den Fritten-Ständen und den Neger-Bistros;
Ein paar Minuten lang wanderten wir, fast fröhlich,
Und dann gingen wir heim, um keine Leute mehr zu sehen

Und um einander anzuschauen ganze Stunden lang;
Du entblößtest deinen Körper vor dem Waschbecken
Dein Gesicht bekam Falten, doch dein Körper blieb schön
Du sagtest: "Schau mich an. Ich bin heil,

Meine Arme sitzen an meinem Leib, und der Tod
Wird meine Augen nicht holen wie die meines Bruders,
Du hast mich den Sinn des Gebetes gelehrt,
Schau mich an, schau her. Richte die Augen auf meinen Körper."

(Houellebecq Michel)

Wucht der Stunde

Entdeckung am heutigen Tage:
Ein Loch in der Dämmerung.
Bin reingeklettert, mit den Schulterblättern voran.
Weiche Töne, wie Porzellan,
reißen mein Herz an.
Ich tanze, mein Haar sitzt schon lange nicht mehr,
von Morgenröte bis zum Abendbrot.
Der Versuch eines Gedankens.
Besser, du nimmst die Kinder.
Ich wache auf mit dem Kopf unterm Arm.

(Wienke Treblin gefunden bei Fixpoetry)
was erwartest du?
dass er herabsteigt
von den bergen
am morgen
der tau
in dein bett von lehm?
bevor die sonne ihn aufleckt
ein korn das versprechen begrünt
zu wachsen und äpfel zu tragen
bis in den himmel
wieder?

(ja!)

Carl Reiner Holdt

Eine Leichenrede

als sie mit zwanzig
ein kind erwartete
wurde ihr heirat
befohlen

als sie geheiratet hatte
wurde ihr verzicht
auf alle studienpläne
befohlen

als sie mit dreißig
noch unternehmungslust zeigte
wurde ihr dienst im hause
befohlen

als sie mit vierzig
noch einmal zu leben versuchte
wurde ihr anstand und tugend
befohlen

als sie mit fünfzig
verbraucht und enttäuscht war
zog ihr mann
zu einer jüngeren frau

liebe gemeinde
wir befehlen zu viel
wir gehorchen zu viel
wir leben zu wenig

(Kurt Marti)

Herbstbild

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
denn heute löst sich von den Zweigen nur,
was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

(Friedrich Hebbel)

Ein Kompliment

Wenn man so will bist du das Ziel einer langen Reise
Die Perfektion der besten Art und Weise
In stillen Momenten leise
Die Schaumkrone der Woge der Begeisterung
Bergauf mein Antrieb und Schwung

Ich wollte dir nur mal eben sagen, dass du das
Größte für mich bist
Und sicher geh´n, ob du denn das selbe für mich fühlst
Für mich fühlst

Wenn man so will bist du meine Chill-out Area
Meine Feiertage in jedem Jahr
Meine Süßwarenabteilung im Supermarkt
Die Lösung wenn mal was hakt
So wertvoll, dass man es sich gerne aufspart
Und so schön, dass man nie darauf verzichten mag

Ich wollte dir nur mal eben sagen, dass du das
Größte für mich bist
Und sicher geh´n, ob du denn dasselbe für mich fühlst
Für mich fühlst.

(Aus: Sportfreunde Stiller: Ein Kompliment)

Lied von einer Insel

Wenn einer fortgeht, muss er den Hut
mit den Muscheln, die er sommerüber
gesammelt hat, ins Meer werfen
und fahren mit wehendem Haar,
er muss den Tisch, den er seiner Liebe
deckte, ins Meer stürzen,
er muss den Rest des Weins,
der im Glas blieb, ins Meer schütten,
er muss den Fischen sein Brot geben
und einen Tropfen Blut ins Meer mischen,
er muss sein Messer gut in die Wellen treiben
und seinen Schluck versenken,
Herz, Anker und Kreuz,
und fahren mit wehendem Haar!
Dann wird er wiederkommen.
Wann?
Frag nicht.

(Ingeborg Bachmann)

Dich

Dich nicht näher denken
und dich nicht weiter denken
dich denken wo du bist
weil du dort wirklich bist

Dich nicht älter denken
und dich nicht jünger denken
nicht größer und nicht kleiner
nicht hitziger und nicht kälter

Dich denken und mich nach dir sehnen
dich sehen wollen
und dich lieb haben
so wie du wirklich bist

(Erich Fried)
Weg:gewendet, wimpern der helligkeit
losgelassen mit der schattenberührung in den abend.
angehäufter sehkreis der weichheit
und in der luft der sonnige helligkeitsmesser

der weiten. unwiederbringlich allein.
unter tausendlidrigen augenblicken in den tagesanbruch
des erinnerns mit dem gesicht vergraben
zwischen ruf und ruf. tag in das licht der tränen gedreht.

gegenwartsnähte, fallen der sterne
in vergangenes, heller schnitt
der uhrschläge, in die nacht versprengte

gewichtlose ausgeglichenheit:
alles
eins.

(Niko Grafenauer)

habe ich dich gezeichnet

als ich noch betrunken war
habe ich dich gezeichnet
mein zeigefinger blutverschmiert
als die zeichnungen noch unbeholfen waren
wurde ich für alles und nichts gelobt
als alles und nichts jede farbe und mögliche form
annehmen konnte nichts unmöglich war
und alles ein rätsel
kam jemand vorbei und sagte
du bist nicht jung sondern verrückt
als ich verrückt und jung nach dir war
habe ich aus dem nichts heraus
gezeichnet nicht einmal dich
nur zeichen aufs papier geschmiert
deren schwungvollen lauf
die linie deines nackens inne war

(Tanja Dückers)

aufruf

rasen muß kurzgeschoren
muß stramm muß
rein sein
klee raus! diese
rasenschande

wer zuläßt
daß dessen same sich
fortpflanzt macht sich
schuldig an unserm
reinrasigen grün

ein schädling dem
klee gleich

(Werner Dürrson)

Illusion

Wenn ich die Chance hätte,
dir zu gehören,
dann würde ich die Zeit anhalten,
Sterne pflücken,
die die Welt zum Geschenk geben.
Wir lebten dort,
wo jetzt meine Luftschlösser stehen,
in Wolkenkuckucksheimen,
fernab vom Getriebe der Zeit,
versunken in uns und unsere Liebe,
verwischt wäre die Grenze zwischen Geben und Nehmen
und nur noch ein Gefühl bliebe
DU.

(Aus: Nicht jeder träumt still. Texte und Bilder aus dem Stiftsgymnasium Admont)
Die ganzen Gänse sind stumm gefroren im Bild. Sie sah sich fast ähnlich an diesem Morgen. Natürlich nicht ganz. Der gestreckte Hals war das Differentialmerkmal. Singschwan. Die ganze Zeit. Ein Foto fiel neben das andere. Der im Halbkreis geblähte Horizont. Netzstrukturen im Frost.

(Silke Peters)

Die Luft riecht schon nach Schnee

Die Luft riecht schon nach Schnee, mein Geliebter
Trägt langes Haar, ach der Winter, der Winter, der uns
Eng zusammenwirft steht vor der Tür, kommt
Mit dem Windhundgespann: Eisblumen
Streut er ans Fenster, die Kohlen glühen im Herd, und
Du Schönster Schneeweißer legst mir deinen Kopf in den Schoß

Ich sage das ist
Der Schlitten der nicht mehr hält, Schnee fällt uns
Mitten ins Herz, er glüht
Auf den Aschekübeln im Hof Darling flüstert die Amsel

(Sarah Kirsch)

Ein Experiment

Ein schweigsamer Mann namens Klaus
ging selten aus sich heraus.
Er war eine Klausnernatur
und lebte in strenger Klausur.

Doch als man ihm Gin eingeflößt,
da war er auf einmal gelöst.
So gilt wohl als unumstößlich:
Der Mensch ist in Alkohol löslich.

(Helmut Scharf)
Wenn jemand sucht, dann geschieht es leicht, daß
sein Auge nur noch das Ding sieht, das er sucht,
daß er nichts zu finden, nichts in sich einzulassen
vermag, weil er nur immer an das Gesuchte denkt,
weil er ein Ziel hat, weil er vom Ziel besessen ist.
Suchen heißt: ein Ziel haben. Finden aber heißt: frei
sein, offen stehen, kein Ziel haben.

(Aus: Siddharta von Hermann Hesse)
ein glockenschlag
vom königinnentum
ein erwachen

was sie aus dem leben
herausgeklopft
eine träne aus stein

glaube weiter an die liebe
tief und königlich

(Traute Foresti)
Wenn man den Kopf einmal ganz frei von allem machen könnte,
für einen Moment nur, alle Schubladen der Erinnerung fest zugeschoben (....),
abgeschottet von allen Eindrücken:
ein leeres Gefäß sein.

(Aus: Wach von Albrecht Selge)

And the Others

Some find The Light in literature;
Others in fine art,
And some persist in being sure
The Light shines in the heart.

Some find The Light in alcohol;
Some, in the sexual spark;
Some never find The Light at all
And make do with the dark,

And one might guess that these would be
A gloomy lot indeed,
But, no, The Light they never see
They think they do not need.

(David Berman)

Engel des Vergessens

Ein Auszug aus dem Roman der Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Maja Haderlap

In den Wald zu gehen bedeutet in unserer Sprache nich nur Bäume zu fällen, zu jagen oder Pilze zu sammeln. Es heißt auch, wie immer erzählt wird, sich zu verstecken, zu flüchten, aus dem Hinterhalt anzugreifen. Man habe im Wald geschlafen, gekocht und gegessen, nicht nur in Friedenszeiten, auch im Krieg seien Männer und Frauen in den Wald gegangen. Nicht in den eigenen Wald, nein, dafür sei er zu schütter, zu klein und zu überschaubar gewesen. In die großen Wälder seien sie aufgebrochen. Die Wälder seien der Zufluchtsort vieler Menschen gewesen, eine Hölle, in der Wild gejagt worden sei und in der sie gejagt wurden wie Wild.
Die Erzählungen kreisen um den Wald, wie auch der Wald um unseren Hof kreist. In ihm verborgen die Jagdplätze, die Futterplätze, die Beerenplätze, die Pilzplätze, die man nicht preisgibt. Noch heimlicher sind die heimlichsten Ore, zu denen kein Weg und kein Steig führen, die über Jagdpfade un…

Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

(Erich Fried)

nur für dich

heimlich wachsen
ohne grosse worte
einfach ein bisschen wachsen
zwischen den zeilen
luft holen und etwas tun
von dem du nicht glauben kannst
das es möglich ist
und heimlich wachsen
nur für dich

(Hermann Josef Schmitz)

Gedicht, wo nix los ist

Abendland und Untergang,
zwei Rentner aus dem Plattenbau,
betreten ihre Lieblingskneipe.
Sagt Abendland: Ich nehm ein Bier.
Sagt Untergang: Ich auch.

So sitzen sie und trinken.
Sagt Abendland: Mein Freund -
Sagt Untergang: Wer? Ich?
Dann lachen sie und trinken.

Was wolltest du denn sagen?
fragt Untergang. Und Abendland
versucht sich zu erinnern. Es fällt
ihm nicht mehr ein. Sie rauchen.

Wir melden und zurück, sobald sich

(Helmut Krausser)
ich glaube,
er sah nicht dich in dir,
aber du warst es.

sie sehen niemals dich in dir,
aber du bist es.

wir sehen nicht den andern
in sich,
aber er ist es.

(Eva Cader-Benedix)

Natur

Hierher, sagen mir Bekannte,
bauen wir uns Häuschen.
Auf ihrem Grundstück grasen Kühe
und Blumen wachsen im Klee.
Hier ist noch alles so natürlich, sagen sie,
die Luft und der Wald, Hügel und Felder
hier werden wir wohnen.....

Ohne euch
sag ich
würde es so bleiben.

(Ludwig Fels)
Die Seufzer aus vielen Mündern sammelt die Erde,
und in den Augen der Menschen, die du liebst,
wohnt die Bestürzung.
Alles, was geschieht, geht dich an.

(Günter Eich)

Heimat

Land unter vielen Ländern,
Land mit zerrissenen Schuhn,
dich lieben heißt dich verändern,
dich träumen heißt selten ruhn,

dich suchen heißt lange noch fragen:
"Wo ist dein Bruder, Kain?"
dich finden heißt Trümmer zerschlagen,
Stein wieder fügen an Stein.

(Erich Fried)

Strandgänger

Noch immer
über dem Schilfland
die Mittagsflamme, über
der Düne
noch immer nicht
das Rauschen der Schwäne, noch immer
das Salzkraut
lautlos,
die Hände im Sand.

Wenn das Sternzeichen fliegt
über dem Sund,
Eis an den Flügeln,
die Wälder aus Grillenstimmen
heraufgehn
über die Öde,
mit hohlen Mündern reden
hinab auf die See -

ich hör dich kommen, du trittst
aus deinen Schatten, wirfst
von der Schulter die Last
Schwemmholz, aus der Hand
huscht dir ein Feuer.

Dich werd ich fragen:
Wie heiß ich?
Wo bin ich?
Wie lang noch
bleibe ich hier?

(Johannes Bobrowski)

Knarren eines geknickten Astes

Splittrig geknickter Ast,
Hangend schon Jahr um Jahr,
Trocken knarrt er im Wind sein Lied,
Ohne Laub, ohne Rinde,
Kahl, fahl, zu langen Lebens,
Zu langen Sterbens müd.
Hart klingt und zäh sein Gesang,
Klingt trotzig, klingt heimlich bang
Noch einen Sommer,
Noch einen Winter lang.

(Hermann Hesse)

gedicht von gedichten 4

gedichte
sind nicht polizeilich gemeldet
gedichte
gehen niemals zur schule
gedichte
sind nicht militärdienstpflichtig
gedichte
sind nicht an der teuerung schuld
gedichte
haben nicht singen gelernt
gedichte
stören den nachbarn nicht
gedichte
streuen keine bakterien
gedichte
fliegen ohne geräusch
gedichte sind frei
gedichte sind da

(Kurt Marti)

Resumé

Bis heute kein einziger Seepapagei in meinen vielen
Gedichten
(Stattdessen schon wieder´n Dutzend Fadennudeln im
Bart);
Auch dem Sabberlatz nicht das ärmste Denkmal gesetzt
in Vers oder Prosa,
So wenig wie der Elbe-Schiffahrt oder der Karpfenernte
bei Peitz.

Geschiebemergel dagegen ja!, fast zu häufig die Rede von
diesem
(Und meistens mit Fadennudeln im verwahrlosten Bart)!
Nicht vergessen die Gelbhalsmaus, nicht fehlt die
sogenannte Naschmarktfassade!
Selbst Sägeblätter, selbst Kühlhaus-Eier weiß ich
irgendwo untergebracht.

Indessen nicht der kleinste Seepapagei in meinem
Scheiße-Gesamtwerk!
Um ehrlich zu sein: Das Gleiche gilt für den Hüfthalter
oder den Kronenverschluß.

Und wie konnte ich fünfzig Jahre lang das Wörtchen
"Wadenwickel" verfehlen?
Es gibt keine ausreichend lichte Erklärung für das und
für dies und für das.

"Darf ich dir die Fadennudeln aus dem Bart nehmen?"
(Sagt Georg Maurer)

(Adolf Endler)

Was Gedichte dürfen

In diesem Gedicht sehen Sie
einen Eisberg versinken
und die Passagiere der Titanic
auf den Untergang trinken.

Nach der Ankunft erzählen sie
ihren Verwandten froh:
Stellt euch vor, wir reisten mit
Kate Winslet und Leonardo DiCaprio.

Doch die Verwandten
fragen sichtlich betroffen:
Ihr seid hir in New York
und nicht abgesoffen?

So ist es, wenn Eisberge
im Wege steh´n:
In Gedichten läßt
man sie untergeh´n.

(Axel Kutsch)

Worüber ich schreibe

Über das Essen, den Nachgeschmack.
Nachträglich über Gäste, die ungeladen
oder ein knappes Jahrhundert zu spät kamen.
Über den Wunsch der Makrele nach gepreßter Zitrone.
Vor allen Fischen schreibe ich über den Butt.

Ich schreibe über den Überfluß.
Über das Fasten und warum es die Prasser erfunden
haben.
Über den Nährwert der Rinden vom Tisch der Reichen.
Über das Fett und den Kot und das Salz und den
Mangel.
Wie der Geist gallebitter
und der Bauch geisteskrank wurden,
werde ich - mitten im Hirseberg -
lehrreich beschreiben.

Ich schreibe über die Brust.
Über Ilsebill schwanger (die Sauregurkengier)
werde ich schreiben, solange das dauert.
Über den letzten Bissen geteilt,
die Stunde mit einem Freund
bei Brot, Käse, Nüssen und Wein.
(Wir sprachen gaumig über Gott und die Welt
und über das Fressen, das auch nur Angst ist.)

Ich schreibe über den Hunger, wie er beschrieben
und schriftlich verbreitet wurde.
Über Gewürze (als Vasco da Gama und ich
den Pfeffer billiger machten)
will ich unterwegs nach Kalkutta schreiben…

Ihr Worte

Für Nelly Sachs, die Freundin, die Dichterin, in Verehrung

Ihr Worte, auf, mir nach!,
und sind wir auch schon weiter,
zu weit gegangen, geht´s noch einmal
weiter, zu keinem Ende geht´s.

Es hellt nicht auf.

Das Wort
wird doch nur
andre Worte nach sich ziehn,
Satz den Satz.
So möchte Welt,
endgültig,
sich aufdrängen,
schon gesagt sein.
Sagt sie nicht.

Worte, mir nach,
daß nicht endgültig wird
- nicht diese Wortbegier
und Spruch auf Widerspruch!

Laßt eine Weile jetzt
keins der Gefühle sprechen,
den Muskel Herz
sich anders üben.

Laßt, sag ich, laßt.

Ins höchste Ohr nicht,
nichts, sag ich, geflüstert,
zum Tod fall dir nichts ein,
laß, und mir nach, nicht mild
noch bitterlich,
nicht trostreich,
ohne Trost
bezeichnend nicht,
so auch nicht zeichenlos -

Und nur nicht dies: das Bild
im Staubgespinst, leeres Geroll
von Silben, Sterbenswörter.

Kein Sterbenswort,
Ihr Worte!

(Ingeborg Bachmann)

Damals

Als ich klein war
war er schon groß.
Strom nannte man ihn
Grenze zwischen Land und Land.
Als ich größer war
schwamm ich ein Stück weit hinab
auf das Meer zu
erreichte es nie.
An den felsenbestückten Ufern
fuhren wir hinauf und hinab
und riefen die Ruinen beim Namen
Hoch oben sang, wie Heine geboten
in der Sonne des Abends die Loreley
Tief unten stürzte sich der Fischer
und nahm den Weg der Sonne hinab.
Erst kürzlich war ich dort
der Felsen ist kleiner geworden
die Loreley ferner und nicht mehr zu sehn
Doch immer noch geht ein Weg in die Tiefe.

(Elisabeth Borchers)
sie haben große bunte schalen
aus denen sie milchkaffee trinken
beide hände wärmend
und ganz bei sich. wie bei kino.

die darsteller
immer jugendlich und gut angezogen
und wenn sie sich ausziehen
haben sie großen sex & dazwischen
alterst du
wie ein spruch
an der klowand.

vielleicht verweilen wir ein bisschen
auf dieser ebene des textes:

texte sind wie taxis.
texte sind wie taxis die dich unterwegs
aufgabeln
oder an dir vorbeirauschen.
texte sind auch wie kino.
oder klo.
aber darauf wärst du bestimmt
von allein gekommen.

(Klaus F. Schneider)

Ausgeglichenheit

Geordnete Vorgärten
Und Hubschrauber überm Kopf.
Ich fühle das Atmen
Der Stadt in den Fingerkuppen.

Englischrot ist jetzt der Morgenhimmel.
Ich lausche hinauf und hinauf.
Alles am Platze die Wolken
Die Straße der Mann mit dem Hund.

Windige Alleen treiben die Autos
Wie Grasbüschel durchs Viertel.
Die Ampel schaltet wie verrückt.
Dass du mich ansiehst.

(Hanna Fleiss)

Lied von einer Insel

Wenn einer fortgeht, muss er den Hut
mit den Muscheln, die er sommerüber
gesammelt hat, ins Meer werfen
und fahren mit wehendem Haar,
er muss den Tisch, den er seiner
Liebe deckte, ins Meer stürzen,
er muss den Rest des Weins,
der im Glas blieb, ins Meer schütten,
er muss den Fischen sein Boot geben
und einen Tropfen Blut ins Meer mischen,
er muss sein Messer gut in die Wellen treiben
und seinen Schuh versenken,
Herz, Anker und Kreuz,
und fahren mit wehendem Haar!
Dann wird er wiederkommen.
Wann?
Frag nicht.

(Ingeborg Bachmann)
das ist die sehnsucht: wohnen im gewoge
und keine heimat haben in der zeit.
und das sind wünsche: leise dialoge
täglicher stunden mit der ewigkeit

(Rainer Maria Rilke)

Rumania by night

für Ludwig Fels und Guntram Vesper

Unaufhaltsam
Wuchs in den Wörtern
Der Tumor. Am Zwetschgenschnaps
Hielten wir uns
Fest: Fremd
Sein in der eigenen
Haut! Angst vor
Und das vergriffene
Land - Mord

In zahlreichen
Auflagen! Menschen
Verschwinden wie
Der Duft
Von billigstem

Eau de Cologne.

(Horst Samson)

Anweisung für Zeitungsleser

I

Prüft jedes Wort
prüft jede Zeile
vergesst niemals
man kann
mit einem Satz
auch den Gegen-Satz ausdrücken

II

Misstraut den Überschriften
den fett gedruckten
sie verbergen das Wichtigste
misstraut den Leitartikeln
den Inseraten
den Kurstabellen
den Leserbriefen
und den Interviews am Wochenende
Auch die Umfragen der Meinungsforscher
sind manipuliert
die Vermischten Nachrichten
von findigen Redakteuren erdacht
Misstraut dem Feuilleton
den Theaterkritiken Die Bücher
sind meist besser als ihre Rezensenten
lest das was sie verschwiegen haben
Misstraut auch den Dichtern
bei ihnen hört sich alles
schöner an auch zeitloser
aber es ist nicht wahrer nicht gerechter

III

Übernehmt nichts
ohne es geprüft zu haben
nicht die Wörter und nicht die Dinge
nicht die Rechnung und nicht das Fahrrad
nicht die Milch und nicht die Traube
nicht den Regen und nicht die Sätze
fasst es an schmeckt es dreht es nach allen Seiten
nehmt es wie eine Münze zwischen die Zähne
hält es stand? taugt es? seid ihr zufrieden?

IV

Ist Feuer noch Feuer und Laub noch…

klar-

klar-
es ist frühling und niemand
niemand wundert sich
über fische am himmel
und schwebende steine
schau hin die wolken sie
schwingen hell in den zweigen
alles ist leicht sagst du
selbst die erde
wiegt nicht mehr
so schwer

(Sylvia Hagenbach)

Auferstehung

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leutchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht
und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvoller Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

(Marie Luise Kaschnitz)

Er ist´s

Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohl bekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
- Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist´s!
Dich hab ich vernommen!

(Eduard Mörike)

gedicht von gedichten 1

ein gedicht
das nicht zu begreifen ist
möchte vielleicht betastet sein

ein gedicht
das nicht zu betasten ist
möchte vielleicht betreten sein

ein gedicht
das nicht zu betreten ist
möchte vielleicht betrachtet sein

ein gedicht
das nicht zu betrachten ist
möchte vielleicht begriffen sein.

(Kurt Marti)
ich weiss,
ich weiss und du weisst, wir wussten,
wir wussten nicht, wir
waren ja da und nicht dort,
und zuweilen, wenn
nur das nichts zwischen uns stand, fanden
wir ganz zueinander.

(Paul Celan)

es wird licht - es wird ostern

für renald deppe

im graubraun dieses winters
denke ich ganz fest
an wärmende morgensonne
die roten holländischen tulpen
die ich kaufen werde
bunte kinderkleider
auf zögerlich spriessenden wiesen
vielleicht sagt jemand
ES WERDE MÄRZ
und vielleicht kommt er aus gewohnheit
von alleine
ich glaube fest daran
dass es auch april wird
auch wenn ich nicht mehr da bin
auch wenn wir nicht mehr da sind
und das soll nun wieder ein trost sein
manchmal - wenn ich es gerade so will

(Elfriede Gerstl)

Frühjahrsputz

Das Sofa verlassen
Die Trägheit wegräumen
Gedanken ausschütteln

Zerbrochene Gefühle ausmisten
Die Ansprüche entrümpeln
Verblasste Träume einfärben

Verlorene Freude wieder finden
Lächeln neu lackieren
Den Antrieb umtopfen

Das Ende zum Anfang kehren
Alles gegen den Strich bürsten
Die Zukunft rein waschen

Alte Rituale einmotten
Mein Menschlein abstauben
Neue Worte suchen

(Hermine Geissler)
Die Stimme am Radio
spricht Frühling

Wer kann schüttelt seine
Plumpheit ab
Sprachentschlackung

Neue Texte aus gelbgrünen
Sätzen
das Tüpfchen auf dem i
benimmt sich ungestüm

(Elsbeth Maag)
Der Brief lag noch offen da,
aber die Worte konnten mich schon
an nichts mehr erinnern und am Fenster
die kalte Luft und der Schnee und die
Stimmen von unten, von wo die Eltern
saßen und an den Bäumen, draußen
nicht mal mehr ein Attribut von Farbe/
an diese Bilder angeschlossen,
sonst an nichts, Geburtstagstorten
die nicht einmal von früher waren/

(Klara Beten)

Bald

Unter all den grünen Bäumen
harren wir aus
bis die Kälte vom Meeresgrund aufgestiegen ist
und uns erfasst
dass es Nacht wird
Tag und wieder Nacht.
Ich lege Dir mein Wort
in den baldigen Schnee
dass er schmilzt.

(Elisabeth Borchers)

Bitte

Lass mir die Freiheit
der Wildnis
in meinem Herzen.
Gezähmt würde ich
vergehen
vielleicht,
ohne dass du es spürst.
Lass einen Fleck,
wo es wuchern kann,
auch wenn du
dann keinen Einblick mehr hast.

(Ju Sobing)

Verrannt hast du dich, sagst du mir

Verrannt hast du dich, sagst du mir, in Labyrinthen,
barocken Luftschlössern, klar scheint da immer die Sonne,
tatsächlich aber, die Realität ist nicht so und so weiter,
komm raus, und sieh dir an, wie ich wirklich bin,
außerdem mag ich Regen, und ich erwidere,
während ich fleißig regne, was soll ich draußen
bei euren sächlichen Taten wenn meine
Gärten inwendig blühn

(Susanne Morawietz)

Vom satt sein

ich versuchte mich
satt zu kriegen,
tat alles, sah alles, aß alles,
obwohl ich nicht
hungrig war

und blieb, was ich immer
war: der Pilger, der Dumme, der
Doofe, der täglich sein
Tagebuch belog, der
schrie, in den Wind: verdammte
Scheiße, alles ist gut.

(Roman Israel)

rabenflug

wenn in dem verfluchten leben
einfach nichts passiert und du
vom bedichten der leeren
insel abstand genommen hast
und es sind alle muster und schatten
auf der tapete auf der tapete beschrieben
und die ameisenstrasse im park
und das zerrissene schuhband
und dein verbissenes kissen
und das hissen der weissen
worte dann musst du dich
auf die anderen stürzen
ihre lieben klauen ihre leben
verstauen in deinen texten
vorübergehend hoffentlich
nur vorübergehend raubmund
federdieb rabenflug

(Bess Dreyer via Fixpoetry)

wir lieben uns.

wir lieben uns. dahinter
nichts. es rückt alles
an seinen platz. kein ereignis
ist vorbote. ein jedes steht
für sich. ein jedes steht allein.
ein jedes kommt einzeln
in den blick. wir halten es
dennoch nicht fest. wir finden
dazwischen statt. wir bleiben deutlich.

(Michael Lentz)

Zehn emeritierte Maximen

Man darf sich nicht gehen lassen
nur tragen

Vertraun bricht man
nicht vom Zaun

Obwohl für zu leicht befunden
bleib ich gewogen

Jeder Tag ist gleich
immer anders

Fette Gehälter brauchen
mehr Diäten

Auch Reiche
haben Arme

Vorschlusslorbeeren gehen
immer nach hinten los

Die Illusion ist stärker
als ihre Realität

Liebe ist schneller
als das Licht erlaubt

Wir bleiben allein
und gelassen

(Christoph Wilhelm Aigner)

Ein alter Tibelteppich

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich im himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange bunt geknüpfte Zeiten schon?

(Else Lasker-Schüler)

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhand der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Blick hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille-
und hört im Herzen auf zu sein.

(Rainer Maria Rilke)

Es

Du lässt es doch
wegmachen
sagte er
und es hörte sich an
als spräche er
von einer Warze

Da wusste sie
dass es zu ihr gehörte
wie jeder ihrer Gedanken
wie jeder Tag ihres Lebens
und dass es
nicht einfach es war

Und alles
was sie noch wegmachen wollte
war er.

(Chantal Schreiber)

Ins Lesebuch für die Oberstufe

Lies keine Oden, mein Sohn, lies die Fahrpläne:
sie sind genauer. Roll die Seekarten auf,
eh es zu spät ist. Sei wachsam, sing nicht.
Der Tag kommt, wo sie wieder Listen ans Tor
schlagen und malen den Neinsagern auf die Brust
Zinken. Lern unerkannt gehn, lern mehr als ich:
das Viertel wechseln, den Pass, das Gedicht.
Versteh dich auf den kleinen Verrat,
die tägliche schmutzige Rettung. Nützlich
sind die Enzykliken zum Feueranzünden,
die Manifeste: Butter einzuwickeln und Salz
für die Wehrlosen. Wut und Geduld sind nötig,
in die Lungen der Macht zu blasen
den feinen tödlichen Staub, gemahlen
von denen, die viel gelernt haben,
die genau sind, von dir.

(Hans Magnus Enzensberger)

Die Abnehmer

Einer nimmt und das Denken ab
Es genügt
seine Schriften zu lesen
und manchmal dabei zu nicken

Einer nimmt uns das Fühlen ab
Seine Gedichte
erhalten Preise
und werden häufig zitiert

Einer nimmt uns
die großen Entscheidungen ab
über Krieg und Frieden
Wir wählen ihn immer wieder

Wir müssen nur
auf zehn bis zwölf Namen schwören
Das ganze Leben
nehmen sie uns dann ab.

(Erich Fried)

Fliegen ist schwer

Fliegen ist schwer
Dennoch breite die Arme aus und nimm
einen Anlauf für das Unmögliche.
Nimm einen langen Anlauf
damit du hinfliegst
zu deinem Himmel
daran alle Sterne verlöschen.
Denn Tag wird.
Ein Horizont zeigt sich immer.
Nimm einen Anlauf.

(Günter Kunert)
Das Nein
Das ich endlich sagen will
Ist hundertmal gedacht
Still formuliert
Nie ausgesprochen.

Es brennt mir im Magen
Nimmt mir den Atem
Wird zwischen meinen Zähnen zermalmt
Und verlässt
Als freundliches Ja
Meinen Mund.

(Peter Turrini)

tau

der himmel
verfenstert sich
ein geräusch geht auf
es riecht nach morgen

wonach glaubst du
schmecken die schnellen schritte
im nassen graskies
woher weißt du
es läuft jetzt alles
heiß und hell

(Charlotte Warsen)
Glück gibt es nur, wenn wir vom Morgen nichts
verlangen und vom Heute dankbar annehmen, was
es bringt, - die Zauberstunde kommt doch immer
wieder.

(Hermann Hesse, aus einem unveröffentlichten Brief 1922)