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Es werden Posts vom Januar, 2011 angezeigt.

Das Karussell

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh1 es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen weißen Hand,
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fasch schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber -

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, daß es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines, kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein selige…

Angespannte Gesichter

Wir kommen aus dem Kino
der Film war echt wie das Leben
Nun gehen wir zwischen parkenden
Autos durch/ein paar streusalzgeschädigte
Bäume mit Stahlkrampen
gegen die Stoßstangen geschützt

In der Pizzeria essen alle
die heute nicht griechisch
oder jugoslawisch essen
italienisch
angespannte Gesichter
wie im Straßenverkehr

O mia bella Everywhere
Das Leben ist nicht mehr
so echt wie im Film

(Hans-Jürgen Heise)

Die Made

Hinter eines Baumes Rinde
wohnt die Made mit dem Kinde.

Sie ist Witwe, denn der Gatte,
den sie hatte, fiel vom Blatte.
Diente so auf diese Weise
einer Ameise als Speise.

Eines Morgens sprach die Made:
"Liebes Kind, ich sehe grade,
drüben gibt es frischen Kohl,
den ich hol. So leb denn wohl!
Halt, noch eins!Denk, was geschah,
geh nicht aus, denk an Papa!"

Also sprach sie und entwich. -
Made junior aber schlich
hinterdrein; und das war schlecht!
Denn schon kam ein bunter Specht
und verschlang die kleine fade
Made ohne Gnade. Schade!

Hinter eines Baumes Rinde
ruft die Made nach dem Kinde....

(Aus: Heinz Erhard: .....noch´n Gedicht und
andere Ungereimtheiten)

Ein Satz

Ein Satz, den man nicht mehr sagt, ein Haus,
das man verschweigt.
Eine Adresse, zu der man nicht passt.
Ein Tag, der nicht gelebt wird. Ein Stein,
der nicht daliegt. Ich, wie es das Offene
übt und im Vorbeigehen die Rehe füttert.
Und mit den Rehen den Wolf.

(Frank Milautzcki)

wir lieben uns

wir lieben uns. dahinter
nichts. es rückt alles
an seinen platz. kein ereignis
ist vorbote. ein jedes steht
für sich. ein jedes steht allein.
ein jedes kommt einzeln
in den blick. wir halten es
dennoch nicht fest. wir finden
dazwischen statt. wir bleiben deutlich.

(Michael Lenz in Offene Unruh. 100 Liebesgedichte)

Bald

Unter all den grünen Bäumen
harren wir aus
bis die Kälte vom Meeresgrund aufgestiegen ist
und uns erfasst
dass es Nacht wird
Tag und wieder Nacht.
Ich lege Dir mein Wort
in den baldigen Schnee
dass er schmilzt.

(Elisabeth Borchers)

abgang im sommer

auf absichtslosigkeit präparierte blumenkästen
schweben zwischen dem wehen aus weichspüler
und mittäglichem bratenfett
moderne metaphern für ländlichen wohnfrieden
findest du hier gerecht verteilt auf die letzten
großfamilien ZÜCHTEN IST ZUKUNFT
beteuert die tafel vor endlosen maisfeldern

dann das eintauchen in den laubwald
seine beruhigende anarchie
und meine wut bei dem gedanken daran
wohin ich dich werde stoßen müssen
du sagst nur wildnis und belächelst
die blinde treue
mit der die sonnenblume ihre köpfe drehn

(Stephanie Heib in Dulzinea 11)

maritime ortschaft (eingewintert)

sesselbeine an denen das salz hoch kriecht
(schleichende eroberung der geometrie)

am tisch ein satz gezinkter würfel
(fischknochenbleich voll geraubter augenzahlen)

selbstgedrehte zigaretten aus seetang
(papillen überzogen mit kaltem rauch)

und die bora singt mir eine gänsehaut
(sitzt als sirenenkatze versteckt im gebälk)

(Marcus Pöttler)

Ziehende Landschaft

Man mus weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden;
als zöge die Landschaft und wir ständen fest.
Man muss den Atem anhalten,
bis der Wind nachlässt
und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau,
die alten Muster zeigt
und wir zuhause sind,
wo es auch sei,
und niedersitzen können und uns anlehnen,
als sei es ein Grab
unserer Mutter.

(Hilde Dormin)
1.
Alles ineinander
die Konturen
die Blicke
die Münder
das Wort
das wir uns teilen.

2.
Aus dem Eis
bricht die Blume hervor
wird zur Sonne
zu Mond und Stern.

3.
Ein schöner schwarzer Baum
in Bewegung
gleich gehen die Lichter an
all das Silber und Gold.

(Elisabeth Borchers)

Dich

Dich
dich sein lassen
ganz dich
Sehen
dass du nur du bist
wenn du alles bist
was du bist
das Zarte
und das Wilde
das was sich anschmiegen
und das was sich losreißen will

Wer nur die Hälfte liebt
der liebt dich nicht halb
sondern gar nicht
der will dich zurechtschneiden
amputieren
verstümmeln
Dich dich sein lassen
ob das schwer oder leicht ist?

(Erich Fried)

Inspiration des Tages....

Lesen heißt durch fremde Hand träumen.

(Fernando Pessoa)




Quelle: Keronanddiana

Verbannt

Bald bin ich
eingeatmeter Staub:

In maskenlosen Mündern
ein Museum
längst von Wiederholung
stumm und taub

Bald bin ich
ein vergessener Etwer:

Vielleicht noch ein Gedanke
und wenn
dann stumm und taub
an einem Tag der niemals war

Ein Bild
im Album des Vereins

(Johannes Golznig)