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Es werden Posts vom Februar, 2011 angezeigt.

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhand der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Blick hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille-
und hört im Herzen auf zu sein.

(Rainer Maria Rilke)

Es

Du lässt es doch
wegmachen
sagte er
und es hörte sich an
als spräche er
von einer Warze

Da wusste sie
dass es zu ihr gehörte
wie jeder ihrer Gedanken
wie jeder Tag ihres Lebens
und dass es
nicht einfach es war

Und alles
was sie noch wegmachen wollte
war er.

(Chantal Schreiber)

Ins Lesebuch für die Oberstufe

Lies keine Oden, mein Sohn, lies die Fahrpläne:
sie sind genauer. Roll die Seekarten auf,
eh es zu spät ist. Sei wachsam, sing nicht.
Der Tag kommt, wo sie wieder Listen ans Tor
schlagen und malen den Neinsagern auf die Brust
Zinken. Lern unerkannt gehn, lern mehr als ich:
das Viertel wechseln, den Pass, das Gedicht.
Versteh dich auf den kleinen Verrat,
die tägliche schmutzige Rettung. Nützlich
sind die Enzykliken zum Feueranzünden,
die Manifeste: Butter einzuwickeln und Salz
für die Wehrlosen. Wut und Geduld sind nötig,
in die Lungen der Macht zu blasen
den feinen tödlichen Staub, gemahlen
von denen, die viel gelernt haben,
die genau sind, von dir.

(Hans Magnus Enzensberger)

Die Abnehmer

Einer nimmt und das Denken ab
Es genügt
seine Schriften zu lesen
und manchmal dabei zu nicken

Einer nimmt uns das Fühlen ab
Seine Gedichte
erhalten Preise
und werden häufig zitiert

Einer nimmt uns
die großen Entscheidungen ab
über Krieg und Frieden
Wir wählen ihn immer wieder

Wir müssen nur
auf zehn bis zwölf Namen schwören
Das ganze Leben
nehmen sie uns dann ab.

(Erich Fried)

Fliegen ist schwer

Fliegen ist schwer
Dennoch breite die Arme aus und nimm
einen Anlauf für das Unmögliche.
Nimm einen langen Anlauf
damit du hinfliegst
zu deinem Himmel
daran alle Sterne verlöschen.
Denn Tag wird.
Ein Horizont zeigt sich immer.
Nimm einen Anlauf.

(Günter Kunert)
Das Nein
Das ich endlich sagen will
Ist hundertmal gedacht
Still formuliert
Nie ausgesprochen.

Es brennt mir im Magen
Nimmt mir den Atem
Wird zwischen meinen Zähnen zermalmt
Und verlässt
Als freundliches Ja
Meinen Mund.

(Peter Turrini)

tau

der himmel
verfenstert sich
ein geräusch geht auf
es riecht nach morgen

wonach glaubst du
schmecken die schnellen schritte
im nassen graskies
woher weißt du
es läuft jetzt alles
heiß und hell

(Charlotte Warsen)
Glück gibt es nur, wenn wir vom Morgen nichts
verlangen und vom Heute dankbar annehmen, was
es bringt, - die Zauberstunde kommt doch immer
wieder.

(Hermann Hesse, aus einem unveröffentlichten Brief 1922)

Reklame

Wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines Endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsre Fragen und den Schauer aller Jahre
in die Traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn Totenstille

eintritt

(Ingeborg Bachmann)

großvater warte, ich komme mit dir

zwei zu eins: wir laufen synchron.

wir wirbeln blätter auf mit unseren schuhspitzen.
wir suchen käfer und spießen sie auf den spazierstock.
sammeln nüsse vom haselgesträuch, die wir mit wünschen bestücken.

wir wirbeln blätter auf und stoßen uns an vergangenem.
wir suchen käfer und legen uns ihren panzer an. sammeln
nüsse vom haselgesträuch, dir wir nun trocknen, im karton unter dem bett.

zwei zu eins: wir laufen synchron.

(Dina Hörig gefunden bei fixpoetry)