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Posts

Es werden Posts vom März, 2011 angezeigt.
Der Brief lag noch offen da,
aber die Worte konnten mich schon
an nichts mehr erinnern und am Fenster
die kalte Luft und der Schnee und die
Stimmen von unten, von wo die Eltern
saßen und an den Bäumen, draußen
nicht mal mehr ein Attribut von Farbe/
an diese Bilder angeschlossen,
sonst an nichts, Geburtstagstorten
die nicht einmal von früher waren/

(Klara Beten)

Bald

Unter all den grünen Bäumen
harren wir aus
bis die Kälte vom Meeresgrund aufgestiegen ist
und uns erfasst
dass es Nacht wird
Tag und wieder Nacht.
Ich lege Dir mein Wort
in den baldigen Schnee
dass er schmilzt.

(Elisabeth Borchers)

Bitte

Lass mir die Freiheit
der Wildnis
in meinem Herzen.
Gezähmt würde ich
vergehen
vielleicht,
ohne dass du es spürst.
Lass einen Fleck,
wo es wuchern kann,
auch wenn du
dann keinen Einblick mehr hast.

(Ju Sobing)

Verrannt hast du dich, sagst du mir

Verrannt hast du dich, sagst du mir, in Labyrinthen,
barocken Luftschlössern, klar scheint da immer die Sonne,
tatsächlich aber, die Realität ist nicht so und so weiter,
komm raus, und sieh dir an, wie ich wirklich bin,
außerdem mag ich Regen, und ich erwidere,
während ich fleißig regne, was soll ich draußen
bei euren sächlichen Taten wenn meine
Gärten inwendig blühn

(Susanne Morawietz)

Vom satt sein

ich versuchte mich
satt zu kriegen,
tat alles, sah alles, aß alles,
obwohl ich nicht
hungrig war

und blieb, was ich immer
war: der Pilger, der Dumme, der
Doofe, der täglich sein
Tagebuch belog, der
schrie, in den Wind: verdammte
Scheiße, alles ist gut.

(Roman Israel)

rabenflug

wenn in dem verfluchten leben
einfach nichts passiert und du
vom bedichten der leeren
insel abstand genommen hast
und es sind alle muster und schatten
auf der tapete auf der tapete beschrieben
und die ameisenstrasse im park
und das zerrissene schuhband
und dein verbissenes kissen
und das hissen der weissen
worte dann musst du dich
auf die anderen stürzen
ihre lieben klauen ihre leben
verstauen in deinen texten
vorübergehend hoffentlich
nur vorübergehend raubmund
federdieb rabenflug

(Bess Dreyer via Fixpoetry)

wir lieben uns.

wir lieben uns. dahinter
nichts. es rückt alles
an seinen platz. kein ereignis
ist vorbote. ein jedes steht
für sich. ein jedes steht allein.
ein jedes kommt einzeln
in den blick. wir halten es
dennoch nicht fest. wir finden
dazwischen statt. wir bleiben deutlich.

(Michael Lentz)

Zehn emeritierte Maximen

Man darf sich nicht gehen lassen
nur tragen

Vertraun bricht man
nicht vom Zaun

Obwohl für zu leicht befunden
bleib ich gewogen

Jeder Tag ist gleich
immer anders

Fette Gehälter brauchen
mehr Diäten

Auch Reiche
haben Arme

Vorschlusslorbeeren gehen
immer nach hinten los

Die Illusion ist stärker
als ihre Realität

Liebe ist schneller
als das Licht erlaubt

Wir bleiben allein
und gelassen

(Christoph Wilhelm Aigner)

Ein alter Tibelteppich

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich im himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange bunt geknüpfte Zeiten schon?

(Else Lasker-Schüler)