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Posts

Es werden Posts vom April, 2011 angezeigt.

Anweisung für Zeitungsleser

I

Prüft jedes Wort
prüft jede Zeile
vergesst niemals
man kann
mit einem Satz
auch den Gegen-Satz ausdrücken

II

Misstraut den Überschriften
den fett gedruckten
sie verbergen das Wichtigste
misstraut den Leitartikeln
den Inseraten
den Kurstabellen
den Leserbriefen
und den Interviews am Wochenende
Auch die Umfragen der Meinungsforscher
sind manipuliert
die Vermischten Nachrichten
von findigen Redakteuren erdacht
Misstraut dem Feuilleton
den Theaterkritiken Die Bücher
sind meist besser als ihre Rezensenten
lest das was sie verschwiegen haben
Misstraut auch den Dichtern
bei ihnen hört sich alles
schöner an auch zeitloser
aber es ist nicht wahrer nicht gerechter

III

Übernehmt nichts
ohne es geprüft zu haben
nicht die Wörter und nicht die Dinge
nicht die Rechnung und nicht das Fahrrad
nicht die Milch und nicht die Traube
nicht den Regen und nicht die Sätze
fasst es an schmeckt es dreht es nach allen Seiten
nehmt es wie eine Münze zwischen die Zähne
hält es stand? taugt es? seid ihr zufrieden?

IV

Ist Feuer noch Feuer und Laub noch…

klar-

klar-
es ist frühling und niemand
niemand wundert sich
über fische am himmel
und schwebende steine
schau hin die wolken sie
schwingen hell in den zweigen
alles ist leicht sagst du
selbst die erde
wiegt nicht mehr
so schwer

(Sylvia Hagenbach)

Auferstehung

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leutchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht
und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvoller Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

(Marie Luise Kaschnitz)

Er ist´s

Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohl bekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
- Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist´s!
Dich hab ich vernommen!

(Eduard Mörike)

gedicht von gedichten 1

ein gedicht
das nicht zu begreifen ist
möchte vielleicht betastet sein

ein gedicht
das nicht zu betasten ist
möchte vielleicht betreten sein

ein gedicht
das nicht zu betreten ist
möchte vielleicht betrachtet sein

ein gedicht
das nicht zu betrachten ist
möchte vielleicht begriffen sein.

(Kurt Marti)
ich weiss,
ich weiss und du weisst, wir wussten,
wir wussten nicht, wir
waren ja da und nicht dort,
und zuweilen, wenn
nur das nichts zwischen uns stand, fanden
wir ganz zueinander.

(Paul Celan)

es wird licht - es wird ostern

für renald deppe

im graubraun dieses winters
denke ich ganz fest
an wärmende morgensonne
die roten holländischen tulpen
die ich kaufen werde
bunte kinderkleider
auf zögerlich spriessenden wiesen
vielleicht sagt jemand
ES WERDE MÄRZ
und vielleicht kommt er aus gewohnheit
von alleine
ich glaube fest daran
dass es auch april wird
auch wenn ich nicht mehr da bin
auch wenn wir nicht mehr da sind
und das soll nun wieder ein trost sein
manchmal - wenn ich es gerade so will

(Elfriede Gerstl)

Frühjahrsputz

Das Sofa verlassen
Die Trägheit wegräumen
Gedanken ausschütteln

Zerbrochene Gefühle ausmisten
Die Ansprüche entrümpeln
Verblasste Träume einfärben

Verlorene Freude wieder finden
Lächeln neu lackieren
Den Antrieb umtopfen

Das Ende zum Anfang kehren
Alles gegen den Strich bürsten
Die Zukunft rein waschen

Alte Rituale einmotten
Mein Menschlein abstauben
Neue Worte suchen

(Hermine Geissler)
Die Stimme am Radio
spricht Frühling

Wer kann schüttelt seine
Plumpheit ab
Sprachentschlackung

Neue Texte aus gelbgrünen
Sätzen
das Tüpfchen auf dem i
benimmt sich ungestüm

(Elsbeth Maag)