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Es werden Posts vom Mai, 2011 angezeigt.

Was Gedichte dürfen

In diesem Gedicht sehen Sie
einen Eisberg versinken
und die Passagiere der Titanic
auf den Untergang trinken.

Nach der Ankunft erzählen sie
ihren Verwandten froh:
Stellt euch vor, wir reisten mit
Kate Winslet und Leonardo DiCaprio.

Doch die Verwandten
fragen sichtlich betroffen:
Ihr seid hir in New York
und nicht abgesoffen?

So ist es, wenn Eisberge
im Wege steh´n:
In Gedichten läßt
man sie untergeh´n.

(Axel Kutsch)

Worüber ich schreibe

Über das Essen, den Nachgeschmack.
Nachträglich über Gäste, die ungeladen
oder ein knappes Jahrhundert zu spät kamen.
Über den Wunsch der Makrele nach gepreßter Zitrone.
Vor allen Fischen schreibe ich über den Butt.

Ich schreibe über den Überfluß.
Über das Fasten und warum es die Prasser erfunden
haben.
Über den Nährwert der Rinden vom Tisch der Reichen.
Über das Fett und den Kot und das Salz und den
Mangel.
Wie der Geist gallebitter
und der Bauch geisteskrank wurden,
werde ich - mitten im Hirseberg -
lehrreich beschreiben.

Ich schreibe über die Brust.
Über Ilsebill schwanger (die Sauregurkengier)
werde ich schreiben, solange das dauert.
Über den letzten Bissen geteilt,
die Stunde mit einem Freund
bei Brot, Käse, Nüssen und Wein.
(Wir sprachen gaumig über Gott und die Welt
und über das Fressen, das auch nur Angst ist.)

Ich schreibe über den Hunger, wie er beschrieben
und schriftlich verbreitet wurde.
Über Gewürze (als Vasco da Gama und ich
den Pfeffer billiger machten)
will ich unterwegs nach Kalkutta schreiben…

Ihr Worte

Für Nelly Sachs, die Freundin, die Dichterin, in Verehrung

Ihr Worte, auf, mir nach!,
und sind wir auch schon weiter,
zu weit gegangen, geht´s noch einmal
weiter, zu keinem Ende geht´s.

Es hellt nicht auf.

Das Wort
wird doch nur
andre Worte nach sich ziehn,
Satz den Satz.
So möchte Welt,
endgültig,
sich aufdrängen,
schon gesagt sein.
Sagt sie nicht.

Worte, mir nach,
daß nicht endgültig wird
- nicht diese Wortbegier
und Spruch auf Widerspruch!

Laßt eine Weile jetzt
keins der Gefühle sprechen,
den Muskel Herz
sich anders üben.

Laßt, sag ich, laßt.

Ins höchste Ohr nicht,
nichts, sag ich, geflüstert,
zum Tod fall dir nichts ein,
laß, und mir nach, nicht mild
noch bitterlich,
nicht trostreich,
ohne Trost
bezeichnend nicht,
so auch nicht zeichenlos -

Und nur nicht dies: das Bild
im Staubgespinst, leeres Geroll
von Silben, Sterbenswörter.

Kein Sterbenswort,
Ihr Worte!

(Ingeborg Bachmann)

Damals

Als ich klein war
war er schon groß.
Strom nannte man ihn
Grenze zwischen Land und Land.
Als ich größer war
schwamm ich ein Stück weit hinab
auf das Meer zu
erreichte es nie.
An den felsenbestückten Ufern
fuhren wir hinauf und hinab
und riefen die Ruinen beim Namen
Hoch oben sang, wie Heine geboten
in der Sonne des Abends die Loreley
Tief unten stürzte sich der Fischer
und nahm den Weg der Sonne hinab.
Erst kürzlich war ich dort
der Felsen ist kleiner geworden
die Loreley ferner und nicht mehr zu sehn
Doch immer noch geht ein Weg in die Tiefe.

(Elisabeth Borchers)
sie haben große bunte schalen
aus denen sie milchkaffee trinken
beide hände wärmend
und ganz bei sich. wie bei kino.

die darsteller
immer jugendlich und gut angezogen
und wenn sie sich ausziehen
haben sie großen sex & dazwischen
alterst du
wie ein spruch
an der klowand.

vielleicht verweilen wir ein bisschen
auf dieser ebene des textes:

texte sind wie taxis.
texte sind wie taxis die dich unterwegs
aufgabeln
oder an dir vorbeirauschen.
texte sind auch wie kino.
oder klo.
aber darauf wärst du bestimmt
von allein gekommen.

(Klaus F. Schneider)

Ausgeglichenheit

Geordnete Vorgärten
Und Hubschrauber überm Kopf.
Ich fühle das Atmen
Der Stadt in den Fingerkuppen.

Englischrot ist jetzt der Morgenhimmel.
Ich lausche hinauf und hinauf.
Alles am Platze die Wolken
Die Straße der Mann mit dem Hund.

Windige Alleen treiben die Autos
Wie Grasbüschel durchs Viertel.
Die Ampel schaltet wie verrückt.
Dass du mich ansiehst.

(Hanna Fleiss)

Lied von einer Insel

Wenn einer fortgeht, muss er den Hut
mit den Muscheln, die er sommerüber
gesammelt hat, ins Meer werfen
und fahren mit wehendem Haar,
er muss den Tisch, den er seiner
Liebe deckte, ins Meer stürzen,
er muss den Rest des Weins,
der im Glas blieb, ins Meer schütten,
er muss den Fischen sein Boot geben
und einen Tropfen Blut ins Meer mischen,
er muss sein Messer gut in die Wellen treiben
und seinen Schuh versenken,
Herz, Anker und Kreuz,
und fahren mit wehendem Haar!
Dann wird er wiederkommen.
Wann?
Frag nicht.

(Ingeborg Bachmann)
das ist die sehnsucht: wohnen im gewoge
und keine heimat haben in der zeit.
und das sind wünsche: leise dialoge
täglicher stunden mit der ewigkeit

(Rainer Maria Rilke)

Rumania by night

für Ludwig Fels und Guntram Vesper

Unaufhaltsam
Wuchs in den Wörtern
Der Tumor. Am Zwetschgenschnaps
Hielten wir uns
Fest: Fremd
Sein in der eigenen
Haut! Angst vor
Und das vergriffene
Land - Mord

In zahlreichen
Auflagen! Menschen
Verschwinden wie
Der Duft
Von billigstem

Eau de Cologne.

(Horst Samson)