Direkt zum Hauptbereich

Posts

Es werden Posts vom August, 2011 angezeigt.

Dich

Dich nicht näher denken
und dich nicht weiter denken
dich denken wo du bist
weil du dort wirklich bist

Dich nicht älter denken
und dich nicht jünger denken
nicht größer und nicht kleiner
nicht hitziger und nicht kälter

Dich denken und mich nach dir sehnen
dich sehen wollen
und dich lieb haben
so wie du wirklich bist

(Erich Fried)
Weg:gewendet, wimpern der helligkeit
losgelassen mit der schattenberührung in den abend.
angehäufter sehkreis der weichheit
und in der luft der sonnige helligkeitsmesser

der weiten. unwiederbringlich allein.
unter tausendlidrigen augenblicken in den tagesanbruch
des erinnerns mit dem gesicht vergraben
zwischen ruf und ruf. tag in das licht der tränen gedreht.

gegenwartsnähte, fallen der sterne
in vergangenes, heller schnitt
der uhrschläge, in die nacht versprengte

gewichtlose ausgeglichenheit:
alles
eins.

(Niko Grafenauer)

habe ich dich gezeichnet

als ich noch betrunken war
habe ich dich gezeichnet
mein zeigefinger blutverschmiert
als die zeichnungen noch unbeholfen waren
wurde ich für alles und nichts gelobt
als alles und nichts jede farbe und mögliche form
annehmen konnte nichts unmöglich war
und alles ein rätsel
kam jemand vorbei und sagte
du bist nicht jung sondern verrückt
als ich verrückt und jung nach dir war
habe ich aus dem nichts heraus
gezeichnet nicht einmal dich
nur zeichen aufs papier geschmiert
deren schwungvollen lauf
die linie deines nackens inne war

(Tanja Dückers)

aufruf

rasen muß kurzgeschoren
muß stramm muß
rein sein
klee raus! diese
rasenschande

wer zuläßt
daß dessen same sich
fortpflanzt macht sich
schuldig an unserm
reinrasigen grün

ein schädling dem
klee gleich

(Werner Dürrson)

Illusion

Wenn ich die Chance hätte,
dir zu gehören,
dann würde ich die Zeit anhalten,
Sterne pflücken,
die die Welt zum Geschenk geben.
Wir lebten dort,
wo jetzt meine Luftschlösser stehen,
in Wolkenkuckucksheimen,
fernab vom Getriebe der Zeit,
versunken in uns und unsere Liebe,
verwischt wäre die Grenze zwischen Geben und Nehmen
und nur noch ein Gefühl bliebe
DU.

(Aus: Nicht jeder träumt still. Texte und Bilder aus dem Stiftsgymnasium Admont)
Die ganzen Gänse sind stumm gefroren im Bild. Sie sah sich fast ähnlich an diesem Morgen. Natürlich nicht ganz. Der gestreckte Hals war das Differentialmerkmal. Singschwan. Die ganze Zeit. Ein Foto fiel neben das andere. Der im Halbkreis geblähte Horizont. Netzstrukturen im Frost.

(Silke Peters)

Die Luft riecht schon nach Schnee

Die Luft riecht schon nach Schnee, mein Geliebter
Trägt langes Haar, ach der Winter, der Winter, der uns
Eng zusammenwirft steht vor der Tür, kommt
Mit dem Windhundgespann: Eisblumen
Streut er ans Fenster, die Kohlen glühen im Herd, und
Du Schönster Schneeweißer legst mir deinen Kopf in den Schoß

Ich sage das ist
Der Schlitten der nicht mehr hält, Schnee fällt uns
Mitten ins Herz, er glüht
Auf den Aschekübeln im Hof Darling flüstert die Amsel

(Sarah Kirsch)

Ein Experiment

Ein schweigsamer Mann namens Klaus
ging selten aus sich heraus.
Er war eine Klausnernatur
und lebte in strenger Klausur.

Doch als man ihm Gin eingeflößt,
da war er auf einmal gelöst.
So gilt wohl als unumstößlich:
Der Mensch ist in Alkohol löslich.

(Helmut Scharf)