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Klarkommen

Irgendwann zwischendurch haben wir gelernt, dass Erschütterungen nicht immer sofort Weltuntergang bedeuten, dass Schnittstellen auch meinen, dass neue Haut wächst, dass etwas Altes rausgeht und etwas Neues rein darf, dass etwas anderes kommt, weil das davor nicht gehalten halt. Irgendwann mittendrin haben wir verstanden, dass Angst haben okay ist, wenn sie nicht alles blockiert, und dass die Sollbruchstellen, das Zerbrechliche, zum Lebendigen gehören, dass nichts beweglich ist, was aus Beton ist, dass die gesplitterten Enden mit der Zeit abrunden. Ich kann nicht mehr sagen, wann es war, aber wir haben angefangen, klarzukommen, nicht mehr bei jedem Ende zu denken, dies wäre gleichzeitig das Ende des ganzen Rests, wir haben mittlerweile kapiert, dass es auch Dinge gibt, die bleiben, und dass wir sie selbst in der Hand haben. Das, was noch neu ist, woran wir uns noch gewöhnen müssen, ist, dass wir plötzlich etwas zu verlieren haben. In der besten Erkenntnis des Jahres können wir uns sehe…

schnee

der auf scherben fällt glasperlenspiel glück hoch drei schneewalzer tanzen wir in trockenen tüchern an der wand lang klares weiß entspannende ruhe sternenstaub im gepäck eisprinzessin (Molk Manuela)
Daß ich dem Mond mein Gemüt überließ, bringt mich der Lösung nicht näher. Bis zum gläsernen Weckruf der Hähne muß ich eingeholt haben den Schlüssel zu allen Träumen. Ich werde das Boot verlassen und über die Wasser des Himmels gehn, vorbei an den Inseln der Sterne und der Einkehr der Engel. Meine Flügel habe ich hingegeben an die Löwin meiner Schwäche. Sie wird mir die Wüste bewahren und den Brunnen der Tänze, bis ich wiederkehre mit meinem Schlüssel und Warnung und Vorschriften weiß. Noch haben die Hähne mein Herz nicht geweckt. Wehe, wenn ihre gläsernen Rufe das Lamm mir zerschneiden vorzeitig und sinnlos! (Christine Lavant)

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget Und voll mit wilden Rosen Das Land in den See. Ihr holden Schwäne, Und trunken von Küssen Tunkt ihr das Haupt Ins heilig nüchterne Wasser. Weh mir, wo nehm ich, wenn Es Winter ist, die Blumen, und wo Den Sonnenschein, Und Schatten der Erde? Die Mauern stehn Sprachlos und kalt, im Winde Klirren die Fahnen. (Friedrich Hölderlin)

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren laß die Winde los. Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gieb ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. (Rainer Maria Rilke)

Für Allezeit

Ohne ein Gran von Ungeduld gehe ich ans Träumen, mache ich mich an die Arbeit, die nicht mehr enden kann, und nach und nach, an der Spitze, tun sich den wiedergeborenen Armen hilfreiche Hände auf, in deren Höhlung tauchen die Augen auf, wieder, spenden Licht, aufs neue, du wirst auferstanden sein, unversehens, eine Unversehrte, und es geleitet mich erneut deine Stimme, für allezeit seh ich dich wieder. (Paul Celan)
Ich will mit dem gehen, den ich liebe. Ich will nicht ausrechnen, was es kostet. Ich will nicht nachdenken, ob es gut ist. Ich will nicht wissen, ob er mich liebt. Ich will mit ihm gehen, den ich liebe. (Bertold Brecht)
Habe Geduld gegen alles Ungelöste in deinem Herzen und versuche, die Fragen selbst lieb zu haben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forsche jetzt nicht nach Antworten, die dir nicht gegeben werden können, weil du sie nicht leben kannst und es handelt sich darum alles zu leben. Lebe jetzt die Fragen - vielleicht lebst du dann allmählich ohne es zu merken in die Antwort hinein. (Rainer Maria Rilke)

falsche Bewegung

gestern beim Auseinander- gehen haben wir uns beide Hände gegeben - aber nicht die Lippen zum Kusz - : eine plötzlich erstarrte Umarmung? frage ich mich ruhelos und in Tränen/ du blickst ohne Lächeln über die Schulter zurück (Friederike Mayröcker)

Jeden Tag

Fällt hin der Mann. Steht auf Kriegt Fresse voll. Ein Fotograf macht Geld Mit seinem Blut. Bescheid weiß man In vieler Welt: weit weg das Sterben Hier der Duft Jasmin. Die Juniorgel Wiegt in Schlaf die Neugeborenen Lass. Lass. Es müsste sonst Etwas geschehen. (Rolf Haufs)

Symphony in Yellow

An omnibus across the bridge Crawls like a yellow butterfly, And, here and there, a passer-by Shows like a little restless midge. Big barges full of yellow hay Are moored against the shadowy wharf, And, like a yellow silken scarf, The thick fog hangs along the quay. The yellow leaves begin to fade And flutter from the Temple elms, And at my feet the pale green Thames Lies like a rod of rippled jade. (Oscar Wilde)

Mit Haut und Haaren

Ich zog dich aus der Senke deiner Jahre und tauchte dich in meinen Sommer ein ich leckte dir die Hand und Haut und Haare und schwor dir ewig mein und dein zu sein. Du wendetest mich um. Du branntest mir dein Zeichen mit sanftem Feuer in das dünne Fell. Da ließ ich von mir ab. Und schnell begann ich vor mir selbst zurückzuweichen und meinem Schwur. Anfangs blieb noch Erinnern ein schöner Überrest der nach mir rief. Da aber war ich schon in deinem Innern vor mir verborgen. Du verbargst mich tief. Bis ich ganz in dir aufgegangen war: da spucktest du mich aus mit Haut und Haar. (Ulla Hahn)

Heimlich zur Nacht

Ich habe dich gewählt
Unter allen Sternen.

Und ich bin wach - eine lauschende Blume
Im summenden Laub.

Unsere Lippen wollen Honig bereiten,
Unsere schimmernden Nächte sind aufgeblüht.

An den seeligen Glanz deines Leibes
zündet mein Herz seine Himmel an -

Alle meine Träume hängen an deinem Golde,
Ich habe dich gewählt unter allen Sternen.

(Else Lasker Schüler)

Märzwunsch an den Garten

Bleib ein Panther,
Schwärzling,
gefleckt und hungrig,
auf Osterdienstage,
Regenstränge,
Rosenkranzgesetze;
auch auf solche,
die nachlassen,
auf die verworfenen Gewinne,
aus Kinderlotterien,
den Inhalt
süßer, inhaltsloser Episteln,
bleib so,
naß und zornig;
wie du jetzt bist,
bereit,
von den ersten Kätzchen
bis zum Wetzstein
und zur langen Grenze
alle
und mit allen Unterschieden
zu verschlingen,
bleib so,
bleib hungrig
auf uns.

(Ilse Aichinger)

Leben

Es ist kalt geworden
daußen in der Welt.
Vor dem kühleren Wind
schützt mich mein Mantel nicht mehr,
welke Blätter
wirbeln mir ins Gesicht.
Bald schon wird
der Frost zu mächtig sein.
Und doch muss ich
vorbeigehen am einzigen Fenster,
dessen mildes Licht mir Zuflucht bieten würde.

(Aus: Nicht jeder träumt still. Texte und Bilder aus dem Stiftsgymnasium Admont)

Ostern

Die glocken läuteten,
als überschlugen sie sich vor freude
über das leere grab

Darüber, dass einmal
etwas tröstliches gelang,

und dass das staunen währt
seit zweitausend jahren

Doch obwohl
die glocken so heftig gegen die mitternacht
hämmerten -

nichts an finsternis sprang ab

(Reiner Kunze)

Die Wirklichkeit der Literatur

Literatur ist für mich lange Zeit das Mittel gewesen, über mich selber,
wenn nicht klar, so doch klarer zu werden. Sie hat mir geholfen zu
erkennen, dass ich da war, dass ich auf der Welt war. Ich war zwar schon
zu Selbstbewusstsein gekommen, bevor ich mich mit der Literatur
beschäftigte, aber erst die Literatur zeigte mir, dass dieses
Selbstbewusstsein kein Einzelfall, kein Fall, keine Krankheit war.

(Peter Handke)
Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Laßt euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest …

Krypta

reglos Seite an Seite
in der ohnmächtigen
Hülse des Schlafes
ruhten wir nachmittags:
wie in Königs-
gräbern die schuppenglänzenden
Mumien, von einander
nicht wissend, dennoch einander
bewahrend.

(Friederike Mayröcker)

Bitte II

Sei sanft, wenn du kannst, das Leben
Ist sowieso hart und schwer.
Vielleicht hat es das früher gegeben,
Jetzt gibt es das nicht mehr:
Leicht sein und einfach leben
Ohne Nutzungs- und Musterungsschein.
Wenn wir uns nicht Liebe geben,
Uns umfangen und uns erheben,
Betonieren sie uns ein.



(Eva Strittmatter)
Mit der Freiheit ist das
so ähnlich wie mit der Liebe.

Wenn dann das sogenannte Glück
mich nach Jahren
wieder herausholt aus dem
verschlossenen Schrank

und sagt: "Nun darfst du wieder!
Nun zeig, was du kannst!"

Werde ich dann einatmen und
meine Arme ausbreiten
und wieder jung sein und voller
Lebensmut

oder werde ich dann nach Motten-
kugeln riechen
und mit den Knochen klappern
im Takt eines fremden
Herzschlags?

(Erich Fried)

Gedicht

Ich möchte gern ein kurzes Gedicht schreiben
eins mit vier fünf Zeilen
nicht länger
ein ganz einfaches
eins das alles sagt über uns beide
und doch nichts verrät
von dir und mir

(Jürgen Theobaldy)

Krypta

reglos Seite an Seite
in der ohnmächtigen
Hülse des Schlafes
ruhten wir nachmittag:
wie in Königs-
gräbern die schuppenglänzenden
Mumien, von einander
nicht wissend, dennoch einander
bewahrend

(Friederike Mayröcker)

nach grauen tagen

eine einzige stunde frei sein!
frei, fern!
wie nachtlieder in den sphären.
und hoch fliegen über den tagen
möchte ich
und das vergessen suchen ---
über das dunkle wasser gehen
nach weissen rosen,
meiner seele flügel geben
und, oh gott, nichts wissen mehr
von der bitterkeit langer nächte,
in denen die augen gross werden
vor namenloser not.
tränen liegen auf meinen wangen
aus den nächten des irrsinns,
des wahnes schöner hoffnung,
dem wunsch, ketten zu brechen
und licht zu trinken ---
eine einzige stunde licht schauen!
eine einzige stunde frei sein!



(Ingeborg Bachmann)
.

Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

(Erich Kästner)

Anweisungen

Wie Experten behaupten,
genügt es heute nicht mehr,
falls du gesund und fit
bleiben
und lange leben möchtest,
daß du Vater und Mutter ehrst,
wie das vierte Gebot es befiehlt,
sondern du mußt daneben täglich
noch zehn Minuten turnen,
im Wald spazierengehen
und tief und und durch die Nase atmen,
du mußt täglich zweimal die Zähne putzen,
gurgeln und mindestens
einmal im Jahr zum Zahnarzt gehen,
du darfst keinen Alkohol,
sondern nur Milch trinken,
darfst nicht rauchen,
mußt mäßig und nicht
zu fett essen,
du darfst dich nicht
allzuviel mit Politik beschäftigen,
dess es ist statistisch erwiesen,
daß Politiker gefährlich leben.
Und so wirst du so lange
leben, bis du stirbst.

(Gustav Janus)

Für Muna

Du wirst das Meer fragen, wohin es fließen wird
wirst dem Sonnen
strahl ein Kleid anziehen
den Wolken Pfefferminzgeschmack einstreichen
den Bäumen ihre Winde um die Ohren wehen
die Tage werden in den Rücken wachsen
und lieben wirst du
genau wie ich.

(Carmen Caputo)
Ich schreibe, weil ich schreibe,
und wenn mir das genügt als Motiv,
muss es allen genügen;
niemandem muss, was ich schreibe genügen,
aber allen muss genügen,
was ich davon sage, warum.
Warum jemand liest, was ich schreibe,
falls es jemand tut,
ist seine Sache;
warum ich schreibe, was ich schreibe,
meine.

(Ernst Jandl)

Im Café

Du siehst verändert aus. Die Jacke
ist neu, die Frisur, das Spiel um
Verlässlichkeit in der Erscheinung, flugs
geglättete Brauen und ein Lächeln als
Trinkgeld für einen halbwahren Satz.
Wir trinken Café und alles Olé.
Rosinen fallen herunter und das Ernste,
das längst stimmige Muster war in der
Betrachtung der Stille, verschließt
unsere Knie unter dem Tisch.
Unbekannt ist das Wirken der Tintenfische
in großer Tiefe. Das Ich hängt sich eine
Laterne um und geht spazieren.

Die Karriere als Leckstein der salzlosen
Tage glänzt hinterm Leder Tasche.
Wir trinken Café und Olé.
Und schließlich und wie immer an diesen
Stellen vielfach falsche Gewissheit.
Sie kämmt was wir sagen wie einen Scheitel
in das Haar des Moments.

(Frank Milautzcki)
Warum ich schreibe? Weil ich von Kindheit an Lust dazu habe und vielleicht nach und nach die Begabung.
Für wen ich schreibe? Für alle Menschen, die entwicklungsfähig sind oder durch meine Bücher entwickelt werden.
Vorbilder aus der Literatur? Ich habe sehr viel gelernt von Kleist, Büchner und vielen anderen. In jeder Epoche meines Schreibens macht ein anderer Schriftsteller besonderen Eindruck auf mich.
Zuschriften? Ich erhalte andauernd eine Menge, die ganz verschiedenen Charakter haben.
Viele Leser haben sich gefreut, viele wurden ärgerlich. Manche stellen Fragen, die sie bedrücken.
Beeinflusst durch Reaktionen aus der Leserschaft? Selbten bewusst beeinflusst.
Was Sie Wertung nennen, verstehe ich nicht ganz. Ich finde eine Einordnung oder Reihenfolge von Künstlern ziemlich unsinnig. Ganz unsinnig, ja unmöglich, wäre es, sich selbst einzuordnen.
Ich schreibe, solange ich arbeitsfähig bin.

(Anna Seghers)

Bürolisten

da ihre seelen traurig grundiert waren
arbeiteten sie ziemlich gewissenhaft
erledigten ihr tägliches pensum im büro
fast immer fast immer
zur zufriedenheit der vorgesetzten
sie intrigierten nicht
sie begehrten kaum auf
pünktlich erschienen sie
pünktlich verschwanden sie
(wohin denn? niemand fragte)
und hießen z.b.
kavafis kafka pessoa


(Kurt Marti)

Von den Sanftmütigen

Die Sanftmütigen werden die Erde besitzen:
sie tragen sie hinter den Nägeln, zwischen den Zehn,
an den Schuhn,
sie locken ihr Wasser und Gras und Rosen und Korn
aus Schründen und Ritzen
und wissen, wo die versteinten Wälder, die Fische der Vorzeit ruhn.

Sie spüren den mächtigen Erzen an die erstarrten Adern
und machen sie singen und ihren Händen schmiegsam wie Ton,
sie versetzen Berge, trocknen das Meer und schmelzen aus finsteren Quadern
hauchdünnes Glas und gehen wie der Regen grau und fruchtbar davon.

Einverstanden mit Käfer, Wurm und Grille
vermählen sie dem Staub ihr unerkanntes Gesicht,
bis der Engel sie als duftendes Büschel Kamille
ans zerrissene Herz des Heilands legt beim Jüngsten Gericht.

(Christine Busta)

Vor den Zeugnissen

Der Lehrer sagt: Die Blätter
fallen zur Erde. Wer fällt zur Erde? Wer oder was
bedeckt wen oder was? Ah, das gefällt euch wohl nicht,
wenn ich frage: Wen oder was bedecken die Blätter? Also,
die Erde wird zugedeckt von den Blättern. Die Erde
und außerdem wer oder was? Und wann?
Und wie oft? So, nun schreibt
euren Aufsatz über
den Herbst.

(Günter Bruno Fuchs)

Was ich nicht bin

Was ich nicht bin:
Ich bin kein Spielverderber
Ich bin kein Kostverächter
Ich bin kein Kind von Traurigkeit.
Was ich erstens, zweitens und drittens nicht bin:
Ich bin erstens kein Träumer, zweitens kein Einsiedler und drittens kein
Bewohner des Elfenbeinturms.
Was ich nicht bin:
Ich bin kein Stimmvieh.
Was ich leider nicht bin:
Ich bin leider kein Held
Ich bin leider kein Millionär.
Was ich gottseidank nicht bin:
Ich bin gottseidank kein Automat
Ich bin gottseidank keiner, mit dem man machen kann, was man will.

(Peter Handke)

geburt

wenn die zarte, unberührte, behütete frucht
ausgestoßen wird
und sich den weg sucht
durch weiches, warmes gewebe,
wenn schmerzen und qual beginnen
und doch nicht von der glückseligkeit
unterscheidbar sind

dann erwacht neues leben,
dann bekommt das sein einen namen,
dann wird geboren,
wird man geboren.

(Molk Manuela)

Sprachlos

Warum schreibst du
noch immer
Gedichte
obwohl du
mit dieser Methode
immer nur
Minderheiten erreichst

fragen mich Freunde
ungeduldig darüber
daß sie mit ihren Methoden
immer nur
Minderheiten erreichen

und ich weiß
keine Antwort
für sie

(Erich Fried)

So sehr du vermagst

Auch wenn du dein Leben nicht führen kannst, wie du es willst,
um eines bemüh dich zumindest,
so sehr du vermagst: würdige es nicht herab
in etlicher Gebundenheit an jedermann,
in etlichen Betriebsamkeiten und Gerede.

Würdige es nicht herab, indem du es
einbringst, ständig umtreibst und es bloßstellst
in der Menschen Beziehung und Umgang
alltäglicher Torheit,
bis es wie zu einer fremden Bürde wird.

(Konstantinos Kavafis)

Utopia

Die Insel, auf der sich alles klärt.

Hier steht man auf dem Boden der Beweise.

Hier gibt es keine anderen Gänge außer dem Zugang.

Die Sträucher sind brechend voll Antwort.

Hier wächst der Baum der Richtigen Aussicht
mit den für ewig entworrenen Zweigen.

Der strahlend einfache Baum der Einsicht
am Quell, genannt Ach So Ist Das Also.

Je tiefer waldeinwärts, um so breiter steht
das Tal der Selbstverständlichkeit offen.

Und gibts einen Zweifel, dann wird er vom Winde verweht.

Das Echo meldet sich ungerufen
und klärt die Weltgeheimnisse willig.

Rechts ist die Höhle, dort lagert der Sinn.

Links liegt der See der Tiefen Überzeugung.
Vom Boden löst sich die Wahrheit und schwimmt ohne Mühe nach oben.

Über das Tal erhebt sich die Unbeugsame Gewißheit.
Von ihrem Gipfel breitet sich aus der Sinn der Dinge.

Die Insel ist leer, allen Reizen zum Trotz,
die an den Ufern sichtbaren kleinen Spuren von Füßen
führen ausnahmslos in das Meer.

Als ginge man von hier fort,
um in den Fluten unterzutauchen
ohne Rückkehr.

In Wirklichk…

Wohin?

Zurück?
Zu den Tagen der Trommeln
und festlichen Gesängen im Schatten
sonnengesüßter Palmen -

Zurück?
Zu den ungebildeten Tagen
da die Mädchen immer keusch waren
und die Burschen schlechte Wege verabscheuten
aus Angst vor alten Göttern

Zurück?
Zu den dunklen strohgedeckten Hütten
wo Güte herrschte und Trost wohnte -

Zurück zum Aberglauben?

Oder vorwärts?

Vorwärts? Wohin?

In die Slums wo Mensch auf Mensch gepfercht ist
wo Armut und Elend ihre Buden aufschlugen
und alles dunkel ist und traurig?

Vorwärts! Wohin?

In die Fabrik
um harte Stunden zu zermahlen
in unmenschlichen Mühlen
in einer einzigen endlosen Schicht?

(M.F. Dei-Anang)

Ich bin sehr sanft

Ich bin sehr sanft nenn
mich Kamille
meine Finger sind zärtlich braun
Kirchen in deiner Hand meine Nägel
Flügelschuppen von Engeln liebkosen ich bin
der Sommer der Herbst selbst der Winter im Frühling
möchte ich bei dir sein du
zeigst mir das Land wir gehn
von See zu See da braucht es
ein langes glückliches Leben
die Fische sind zwei
die Vögel baun Nester wir
stehn auf demselben Blatt

(Sarah Kirsch)

Stündlich Nachrichten

Der Funk sendet Nachrichten stündlich.
Die Ansager wissen alles; unmöglich,
Könnte es scheinen, daß jede Stunde
Tötet, stiehlt und betrügt. Und doch
So ist es, die Stunden fressen wie Löwen
Den Vorrat an Leben. Die Wirklichkeit gleicht
Der an Ellenbogen durchwetzten Wolljacke. Wer
Die Nachrichten hört, der weiß nicht, daß
Unweit, im Garten, im regennassen,
Ein kleines graues Kätzchen herumläuft vergnügt,
Es balgt mit den harten Halmen der Gräser.

(Adam Zagajewski)

Euphorie

Wer keine Ohren hat
der glaubt man kann ihm
die Haut nicht über die Ohren ziehn
weil sie nicht da sind

Taub gegen Schreckensrufe
hält er sich nie für geschunden
wischt sich das Blut von den Knochen
und fragt nicht was er zu Markt trägt.

(Erich Fried)

Von den Sanftmütigen

Die Sanftmütigen werden die Erde besitzen:
sie tragen sie hinter den Nägeln, zwischen den Zehn,
an den Schuhn,
sie locken ihr Wasser und Gras und Rosen und Korn
aus Schründen und Ritzen
und wissen, wo die versteinten Wälder, die Fische der Vorzeit ruhn.

Sie spüren den mächtigen Erzen an die erstarrten Adern
und machen sie singen und ihren Händen schmiegsam wie Ton,
sie versetzen Berge, trocknen das Meer und schmelzen aus finsteren Quadern
hauchdünnes Glas und gehen wie der Regen grau und fruchtbar davon.

Einverstanden mit Käfer, Wurm und Grille
vermählen sie dem Staub ihr unerkanntes Gesicht,
bis der Engel sie als duftendes Büschel Kamille
ans zerrissene Herz des Heilands legt beim Jüngsten Gericht.

(Christine Busta)

Fragen

Wie groß ist dein Leben?
Wie tief?
Was kostet es dich?
Bis wann zahlst du?
Wieviel Türen hat es?
Wie oft hast
du ein neues begonnen?

Warst du schon einmal
gezwungen um es zu laufen?
Wenn ja
bist du rundherum gelaufen
im Kreis oder hast du
Einbuchtungen mitgelaufen?
Was dachtest du dir dabei?

Woran erkanntest du
daß du ganz herum warst?
Bist du mehrmals gelaufen?
War das dritte Mal
wie das zweite?

Würdest du lieber
die Strecke im Wagen fahren?
oder gefahren werden?
in welcher Richtung?
von wem?

(Erich Fried)

Angespannte Gesichter

Wir kommen aus dem Kino
der Film war echt wie das Leben
Nun gehen wir zwischen parkenden
Autos durch/ein paar streusalzgeschädigte
Bäume mit Stahlkrampen
gegen die Stoßstangen geschützt

In der Pizzeria essen alle
die heute nicht griechisch
oder jugoslawisch essen
italienisch
angespannte Gesichter
wie im Straßenverkehr

O mia bella Everywhere
Das Leben ist nicht mehr
so echt wie ein Film

(Hans-Jürgen Heise)

verlaufen: frau bachmann

ich habe mir eine sicht
geschaffen einen blick herab
auf meine zehen
doch bereits während des ersten streifzugs
beim hinabschauen zittern die knie
dreht sich dieser ganze wahnsinn
treibt im wind wie ein ast im herbst
leergefegt und kahl
weht als stern gen westen
unter den wangen modert der wind.

(Julietta Fix)