Direkt zum Hauptbereich

Posts

Es werden Posts vom Januar, 2012 angezeigt.

Von den Sanftmütigen

Die Sanftmütigen werden die Erde besitzen:
sie tragen sie hinter den Nägeln, zwischen den Zehn,
an den Schuhn,
sie locken ihr Wasser und Gras und Rosen und Korn
aus Schründen und Ritzen
und wissen, wo die versteinten Wälder, die Fische der Vorzeit ruhn.

Sie spüren den mächtigen Erzen an die erstarrten Adern
und machen sie singen und ihren Händen schmiegsam wie Ton,
sie versetzen Berge, trocknen das Meer und schmelzen aus finsteren Quadern
hauchdünnes Glas und gehen wie der Regen grau und fruchtbar davon.

Einverstanden mit Käfer, Wurm und Grille
vermählen sie dem Staub ihr unerkanntes Gesicht,
bis der Engel sie als duftendes Büschel Kamille
ans zerrissene Herz des Heilands legt beim Jüngsten Gericht.

(Christine Busta)

Vor den Zeugnissen

Der Lehrer sagt: Die Blätter
fallen zur Erde. Wer fällt zur Erde? Wer oder was
bedeckt wen oder was? Ah, das gefällt euch wohl nicht,
wenn ich frage: Wen oder was bedecken die Blätter? Also,
die Erde wird zugedeckt von den Blättern. Die Erde
und außerdem wer oder was? Und wann?
Und wie oft? So, nun schreibt
euren Aufsatz über
den Herbst.

(Günter Bruno Fuchs)

Was ich nicht bin

Was ich nicht bin:
Ich bin kein Spielverderber
Ich bin kein Kostverächter
Ich bin kein Kind von Traurigkeit.
Was ich erstens, zweitens und drittens nicht bin:
Ich bin erstens kein Träumer, zweitens kein Einsiedler und drittens kein
Bewohner des Elfenbeinturms.
Was ich nicht bin:
Ich bin kein Stimmvieh.
Was ich leider nicht bin:
Ich bin leider kein Held
Ich bin leider kein Millionär.
Was ich gottseidank nicht bin:
Ich bin gottseidank kein Automat
Ich bin gottseidank keiner, mit dem man machen kann, was man will.

(Peter Handke)

geburt

wenn die zarte, unberührte, behütete frucht
ausgestoßen wird
und sich den weg sucht
durch weiches, warmes gewebe,
wenn schmerzen und qual beginnen
und doch nicht von der glückseligkeit
unterscheidbar sind

dann erwacht neues leben,
dann bekommt das sein einen namen,
dann wird geboren,
wird man geboren.

(Molk Manuela)

Sprachlos

Warum schreibst du
noch immer
Gedichte
obwohl du
mit dieser Methode
immer nur
Minderheiten erreichst

fragen mich Freunde
ungeduldig darüber
daß sie mit ihren Methoden
immer nur
Minderheiten erreichen

und ich weiß
keine Antwort
für sie

(Erich Fried)

So sehr du vermagst

Auch wenn du dein Leben nicht führen kannst, wie du es willst,
um eines bemüh dich zumindest,
so sehr du vermagst: würdige es nicht herab
in etlicher Gebundenheit an jedermann,
in etlichen Betriebsamkeiten und Gerede.

Würdige es nicht herab, indem du es
einbringst, ständig umtreibst und es bloßstellst
in der Menschen Beziehung und Umgang
alltäglicher Torheit,
bis es wie zu einer fremden Bürde wird.

(Konstantinos Kavafis)

Utopia

Die Insel, auf der sich alles klärt.

Hier steht man auf dem Boden der Beweise.

Hier gibt es keine anderen Gänge außer dem Zugang.

Die Sträucher sind brechend voll Antwort.

Hier wächst der Baum der Richtigen Aussicht
mit den für ewig entworrenen Zweigen.

Der strahlend einfache Baum der Einsicht
am Quell, genannt Ach So Ist Das Also.

Je tiefer waldeinwärts, um so breiter steht
das Tal der Selbstverständlichkeit offen.

Und gibts einen Zweifel, dann wird er vom Winde verweht.

Das Echo meldet sich ungerufen
und klärt die Weltgeheimnisse willig.

Rechts ist die Höhle, dort lagert der Sinn.

Links liegt der See der Tiefen Überzeugung.
Vom Boden löst sich die Wahrheit und schwimmt ohne Mühe nach oben.

Über das Tal erhebt sich die Unbeugsame Gewißheit.
Von ihrem Gipfel breitet sich aus der Sinn der Dinge.

Die Insel ist leer, allen Reizen zum Trotz,
die an den Ufern sichtbaren kleinen Spuren von Füßen
führen ausnahmslos in das Meer.

Als ginge man von hier fort,
um in den Fluten unterzutauchen
ohne Rückkehr.

In Wirklichk…

Wohin?

Zurück?
Zu den Tagen der Trommeln
und festlichen Gesängen im Schatten
sonnengesüßter Palmen -

Zurück?
Zu den ungebildeten Tagen
da die Mädchen immer keusch waren
und die Burschen schlechte Wege verabscheuten
aus Angst vor alten Göttern

Zurück?
Zu den dunklen strohgedeckten Hütten
wo Güte herrschte und Trost wohnte -

Zurück zum Aberglauben?

Oder vorwärts?

Vorwärts? Wohin?

In die Slums wo Mensch auf Mensch gepfercht ist
wo Armut und Elend ihre Buden aufschlugen
und alles dunkel ist und traurig?

Vorwärts! Wohin?

In die Fabrik
um harte Stunden zu zermahlen
in unmenschlichen Mühlen
in einer einzigen endlosen Schicht?

(M.F. Dei-Anang)

Ich bin sehr sanft

Ich bin sehr sanft nenn
mich Kamille
meine Finger sind zärtlich braun
Kirchen in deiner Hand meine Nägel
Flügelschuppen von Engeln liebkosen ich bin
der Sommer der Herbst selbst der Winter im Frühling
möchte ich bei dir sein du
zeigst mir das Land wir gehn
von See zu See da braucht es
ein langes glückliches Leben
die Fische sind zwei
die Vögel baun Nester wir
stehn auf demselben Blatt

(Sarah Kirsch)

Stündlich Nachrichten

Der Funk sendet Nachrichten stündlich.
Die Ansager wissen alles; unmöglich,
Könnte es scheinen, daß jede Stunde
Tötet, stiehlt und betrügt. Und doch
So ist es, die Stunden fressen wie Löwen
Den Vorrat an Leben. Die Wirklichkeit gleicht
Der an Ellenbogen durchwetzten Wolljacke. Wer
Die Nachrichten hört, der weiß nicht, daß
Unweit, im Garten, im regennassen,
Ein kleines graues Kätzchen herumläuft vergnügt,
Es balgt mit den harten Halmen der Gräser.

(Adam Zagajewski)

Euphorie

Wer keine Ohren hat
der glaubt man kann ihm
die Haut nicht über die Ohren ziehn
weil sie nicht da sind

Taub gegen Schreckensrufe
hält er sich nie für geschunden
wischt sich das Blut von den Knochen
und fragt nicht was er zu Markt trägt.

(Erich Fried)

Von den Sanftmütigen

Die Sanftmütigen werden die Erde besitzen:
sie tragen sie hinter den Nägeln, zwischen den Zehn,
an den Schuhn,
sie locken ihr Wasser und Gras und Rosen und Korn
aus Schründen und Ritzen
und wissen, wo die versteinten Wälder, die Fische der Vorzeit ruhn.

Sie spüren den mächtigen Erzen an die erstarrten Adern
und machen sie singen und ihren Händen schmiegsam wie Ton,
sie versetzen Berge, trocknen das Meer und schmelzen aus finsteren Quadern
hauchdünnes Glas und gehen wie der Regen grau und fruchtbar davon.

Einverstanden mit Käfer, Wurm und Grille
vermählen sie dem Staub ihr unerkanntes Gesicht,
bis der Engel sie als duftendes Büschel Kamille
ans zerrissene Herz des Heilands legt beim Jüngsten Gericht.

(Christine Busta)

Fragen

Wie groß ist dein Leben?
Wie tief?
Was kostet es dich?
Bis wann zahlst du?
Wieviel Türen hat es?
Wie oft hast
du ein neues begonnen?

Warst du schon einmal
gezwungen um es zu laufen?
Wenn ja
bist du rundherum gelaufen
im Kreis oder hast du
Einbuchtungen mitgelaufen?
Was dachtest du dir dabei?

Woran erkanntest du
daß du ganz herum warst?
Bist du mehrmals gelaufen?
War das dritte Mal
wie das zweite?

Würdest du lieber
die Strecke im Wagen fahren?
oder gefahren werden?
in welcher Richtung?
von wem?

(Erich Fried)

Angespannte Gesichter

Wir kommen aus dem Kino
der Film war echt wie das Leben
Nun gehen wir zwischen parkenden
Autos durch/ein paar streusalzgeschädigte
Bäume mit Stahlkrampen
gegen die Stoßstangen geschützt

In der Pizzeria essen alle
die heute nicht griechisch
oder jugoslawisch essen
italienisch
angespannte Gesichter
wie im Straßenverkehr

O mia bella Everywhere
Das Leben ist nicht mehr
so echt wie ein Film

(Hans-Jürgen Heise)

verlaufen: frau bachmann

ich habe mir eine sicht
geschaffen einen blick herab
auf meine zehen
doch bereits während des ersten streifzugs
beim hinabschauen zittern die knie
dreht sich dieser ganze wahnsinn
treibt im wind wie ein ast im herbst
leergefegt und kahl
weht als stern gen westen
unter den wangen modert der wind.

(Julietta Fix)