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Es werden Posts vom Oktober, 2012 angezeigt.
Daß ich dem Mond mein Gemüt überließ, bringt mich der Lösung nicht näher. Bis zum gläsernen Weckruf der Hähne muß ich eingeholt haben den Schlüssel zu allen Träumen. Ich werde das Boot verlassen und über die Wasser des Himmels gehn, vorbei an den Inseln der Sterne und der Einkehr der Engel. Meine Flügel habe ich hingegeben an die Löwin meiner Schwäche. Sie wird mir die Wüste bewahren und den Brunnen der Tänze, bis ich wiederkehre mit meinem Schlüssel und Warnung und Vorschriften weiß. Noch haben die Hähne mein Herz nicht geweckt. Wehe, wenn ihre gläsernen Rufe das Lamm mir zerschneiden vorzeitig und sinnlos! (Christine Lavant)

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget Und voll mit wilden Rosen Das Land in den See. Ihr holden Schwäne, Und trunken von Küssen Tunkt ihr das Haupt Ins heilig nüchterne Wasser. Weh mir, wo nehm ich, wenn Es Winter ist, die Blumen, und wo Den Sonnenschein, Und Schatten der Erde? Die Mauern stehn Sprachlos und kalt, im Winde Klirren die Fahnen. (Friedrich Hölderlin)

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren laß die Winde los. Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gieb ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. (Rainer Maria Rilke)