Mittwoch, 29. Februar 2012

Krypta

reglos Seite an Seite
in der ohnmächtigen
Hülse des Schlafes
ruhten wir nachmittag:
wie in Königs-
gräbern die schuppenglänzenden
Mumien, von einander
nicht wissend, dennoch einander
bewahrend

(Friederike Mayröcker)

Dienstag, 28. Februar 2012

nach grauen tagen

eine einzige stunde frei sein!
frei, fern!
wie nachtlieder in den sphären.
und hoch fliegen über den tagen
möchte ich
und das vergessen suchen ---
über das dunkle wasser gehen
nach weissen rosen,
meiner seele flügel geben
und, oh gott, nichts wissen mehr
von der bitterkeit langer nächte,
in denen die augen gross werden
vor namenloser not.
tränen liegen auf meinen wangen
aus den nächten des irrsinns,
des wahnes schöner hoffnung,
dem wunsch, ketten zu brechen
und licht zu trinken ---
eine einzige stunde licht schauen!
eine einzige stunde frei sein!



(Ingeborg Bachmann)
.

Freitag, 24. Februar 2012

Morgens und abends zu lesen

Der, den ich liebe
Hat mir gesagt
Daß er mich braucht.

Darum
Gebe ich auf mich acht
Sehe auf meinen Weg und
Fürchte von jedem Regentropfen
Daß er mich erschlagen könnte.

(Bertolt Brecht)

Donnerstag, 23. Februar 2012

Gesang zwischen dir und mir

siehst du den Abenstern?
ich sehe
hörst du den Wind?
ich höre
fühlst du die Ewigkeit?
ich fühle
und dein Name?
nenne mich Nacht
woher kommst du?
aus deiner Einsamkeit
wohin gehst du?
in deine Innigkeit
gib mir die Hand

(Friederike Mayröcker)

Dienstag, 21. Februar 2012

Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

(Erich Kästner)

Montag, 20. Februar 2012

Epitaph für M.

Den Haien entrann ich
Die Tiger erlegte ich
Aufgefressen wurde ich
von den Wanzen.

(Bertolt Brecht)

Freitag, 17. Februar 2012

Anweisungen

Wie Experten behaupten,
genügt es heute nicht mehr,
falls du gesund und fit
bleiben
und lange leben möchtest,
daß du Vater und Mutter ehrst,
wie das vierte Gebot es befiehlt,
sondern du mußt daneben täglich
noch zehn Minuten turnen,
im Wald spazierengehen
und tief und und durch die Nase atmen,
du mußt täglich zweimal die Zähne putzen,
gurgeln und mindestens
einmal im Jahr zum Zahnarzt gehen,
du darfst keinen Alkohol,
sondern nur Milch trinken,
darfst nicht rauchen,
mußt mäßig und nicht
zu fett essen,
du darfst dich nicht
allzuviel mit Politik beschäftigen,
dess es ist statistisch erwiesen,
daß Politiker gefährlich leben.
Und so wirst du so lange
leben, bis du stirbst.

(Gustav Janus)

Mittwoch, 15. Februar 2012

Für Muna

Du wirst das Meer fragen, wohin es fließen wird
wirst dem Sonnen
strahl ein Kleid anziehen
den Wolken Pfefferminzgeschmack einstreichen
den Bäumen ihre Winde um die Ohren wehen
die Tage werden in den Rücken wachsen
und lieben wirst du
genau wie ich.

(Carmen Caputo)

Freitag, 10. Februar 2012

lichtung

manche meinen,
lechts und rinks
kann man nicht
velwechsern.
werch ein illtum!

(Ernst Jandl)

Donnerstag, 9. Februar 2012

Ich schreibe, weil ich schreibe,
und wenn mir das genügt als Motiv,
muss es allen genügen;
niemandem muss, was ich schreibe genügen,
aber allen muss genügen,
was ich davon sage, warum.
Warum jemand liest, was ich schreibe,
falls es jemand tut,
ist seine Sache;
warum ich schreibe, was ich schreibe,
meine.

(Ernst Jandl)

Mittwoch, 8. Februar 2012

Im Café

Du siehst verändert aus. Die Jacke
ist neu, die Frisur, das Spiel um
Verlässlichkeit in der Erscheinung, flugs
geglättete Brauen und ein Lächeln als
Trinkgeld für einen halbwahren Satz.
Wir trinken Café und alles Olé.
Rosinen fallen herunter und das Ernste,
das längst stimmige Muster war in der
Betrachtung der Stille, verschließt
unsere Knie unter dem Tisch.
Unbekannt ist das Wirken der Tintenfische
in großer Tiefe. Das Ich hängt sich eine
Laterne um und geht spazieren.

Die Karriere als Leckstein der salzlosen
Tage glänzt hinterm Leder Tasche.
Wir trinken Café und Olé.
Und schließlich und wie immer an diesen
Stellen vielfach falsche Gewissheit.
Sie kämmt was wir sagen wie einen Scheitel
in das Haar des Moments.

(Frank Milautzcki)

Dienstag, 7. Februar 2012

Timetable

Diese Flugzeuge
zwischen Boston und Düsseldorf.
Entscheidungen aussprechen
ist Sache der Nilpferde.
Ich ziehe vor,
Salatblätter auf ein
Sandwich zu legen und
unrecht zu behalten.

(Günter Eich)

Montag, 6. Februar 2012

Warum ich schreibe? Weil ich von Kindheit an Lust dazu habe und vielleicht nach und nach die Begabung.
Für wen ich schreibe? Für alle Menschen, die entwicklungsfähig sind oder durch meine Bücher entwickelt werden.
Vorbilder aus der Literatur? Ich habe sehr viel gelernt von Kleist, Büchner und vielen anderen. In jeder Epoche meines Schreibens macht ein anderer Schriftsteller besonderen Eindruck auf mich.
Zuschriften? Ich erhalte andauernd eine Menge, die ganz verschiedenen Charakter haben.
Viele Leser haben sich gefreut, viele wurden ärgerlich. Manche stellen Fragen, die sie bedrücken.
Beeinflusst durch Reaktionen aus der Leserschaft? Selbten bewusst beeinflusst.
Was Sie Wertung nennen, verstehe ich nicht ganz. Ich finde eine Einordnung oder Reihenfolge von Künstlern ziemlich unsinnig. Ganz unsinnig, ja unmöglich, wäre es, sich selbst einzuordnen.
Ich schreibe, solange ich arbeitsfähig bin.

(Anna Seghers)

Freitag, 3. Februar 2012

Bürolisten

da ihre seelen traurig grundiert waren
arbeiteten sie ziemlich gewissenhaft
erledigten ihr tägliches pensum im büro
fast immer fast immer
zur zufriedenheit der vorgesetzten
sie intrigierten nicht
sie begehrten kaum auf
pünktlich erschienen sie
pünktlich verschwanden sie
(wohin denn? niemand fragte)
und hießen z.b.
kavafis kafka pessoa


(Kurt Marti)

Donnerstag, 2. Februar 2012

Daheim -
das ist überall,
wo etwas wartet.
Ein Ort,
ein Name,
der Antwort gibt.

Etwas, das lebt.

Und Liebe -
der dunkle Glanz
in den Augen.

(Alois Hergouth)

Mittwoch, 1. Februar 2012

Der Rauch

Das kleine Haus unter Bäumen am See.
Vom Dach steigt Rauch.
Fehlte er
Wie trostlos dann wären
Haus, Bäume und See.

(Bertolt Brecht)
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