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Ikea

Hej. Da ist ja Frau Kreil. Frau Kreil ist Schwedin, keine Schwedenbombe von Inzersdorfer, aber sie hat eine schöne neue Einrichtung von Ikea, dem Möbelhaus aus Schweden. Schweden liegt in Norwegen, nein, in Leningrad. In Schweden wohnen nur Blondinen und Tischler, und dann gibt es noch die Lachsfischer und Fleischbällchendreher fürs Ikea Mittagsmenü. Doch das ist Frau Kreil egal, sie wohnt nicht in Schweden, sondern in ihrer Wohnlandschaft. Frau Kreil sitzt in ihrem Sofa Strömstad, und trinkt Schwedentropfen im Tee aus der Teetasse Flenn. Die Teetasse Flenn steht mitsamt dem Tee und den Schwedentropfen auf dem Couchtisch Glasholm. Auch der Bilderrahmen Resling und die Duftkerzen Flutschi und Hui stehen auf dem Couchtisch Glasholm. Außerdem steht dort noch die Gelse Gisela, aber die ist nicht von Ikea. Im Bilderrahmen Resling ist ein Photo von Herrn Kreil. Frau Kreil wartet, daß Herr Kreil nach Hause kommt. Die Gelse Gisela wartet auch auf Herrn Kreil, weil der das süßere Blut hat, zumindest dann, wenn er ein Stück Himbeertorte vom Ikea-Mittagsmenü gegessen hat. Aber ein Blick auf die Küchenuhr Synk zeigt, daß, bis Herr Kreil nach Hause kommt, Frau Kreil noch Zeit hat, den Teppich Vedbaek auszuklopfen. Auch die Vorhänge Marlis und Birte gehörten gewaschen. Aber dazu hat Frau Kreil nun wirklich keine Lust. Auch die Gelse Gisela hat dazu keine Lust. Wirklich nicht. Frau Kreil stöhnt bedeutungsschwer und bedeckt ihre Füße mit der Reisdecke Mysk, schiebt den Polster Blomma unter ihren Rücken, und schaltet den Deckenfluter Ditte an. Frau Kreil ist sehr glücklich. Computertisch Jan und Hocker Jens, passen, denkt sie, wirklich gut zur Wandvitrine Treldy, zum Eßtisch Iggelsund und den vier Stühlen namens Vilma, Vilma, Vilma und Vilma. Ohne die Teetasse Flenn samt Tee und Schwedentropfen aus der Hand nehmen zu müssen, kann sich Frau Kreil mit einer leichten Bewegung im Spiegel Guldross betrachten. Ja, tatsächlich, Frau Kreil ist eine schöne Schwedin. Schöne schwedische Zähne, die sie täglich mit dem Zahnputzbecher Häftig und der Bürste Möllemann putzt. Schöne blonde schwedische Dauerwellen dank der Lockenwickler Trine und dem Föhn Grunka. Aber der größte Stolz von Frau Kreil ist ihr neues Bett namens Björkvalla. Der Lattenrost Fjelberg, die Federkernmatratzen Visdalen, ein Traum. Erst recht der Bettbezug Hadeland. Dazu der Kleiderschrank Lillehammer, die Kommode Bruns und die Nachtkästchen Klinka und Odille, sowie die schwedischen Gardinen Gullegulla und Hillekillekille. Und wenn Herr Kreil, der das alles selbst montiert hat, endlich nach Hause kommt, wird er zuerst einen Schwedenbitter trinken und dann sie, seine Frau, Frau Kreil, in seine Arme nehmen, so daß sie die Teetasse Flenn samt Tee und Schwedentropfen auf den Couchtisch Glashom fallen lassen wird, dieser einen Sprung bekommt, der Polster Blomma auf den Teppich Vedbaek fällt, die Vorhänge Marlis und Birte wehen, und Herr Kreil wird Frau Kreil vorbei an der Wandvitrine Treldy, vorbei am Eßtisch Iggelsund und den vier Stühlen namens Vilma, Vilma, Vilma und Vilma in Richtung Schlafzimmer bugsieren. Und die Gelse Gisela wird ihnen folgen. Herr Kreil wird Frau Kreil auf das Bett Björkvalla stoßen, so daß sich die Federkernmatratze Visdalen und der Lattenrost Fjelberg ganz schön durchbiegen werden. Und schon fünf Minuten später wird die Gelse Gisela beim Versuch, von den Ikea-Menschen mitzunaschen, erschlagen worden sei, wird Herr Kreil Frau Kreil seine Liebe versichert haben, und werden sie beide in die Küche Pajala gehen, um sich aus dem Flaschenregal Debatt einen Rotwein zu genehmigen, und auf ihr Wohl trinken. Sie werden sich küssen und Ikea flüstern. Ich dich auch. (Franzobel)

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Anweisung für Zeitungsleser

I

Prüft jedes Wort
prüft jede Zeile
vergesst niemals
man kann
mit einem Satz
auch den Gegen-Satz ausdrücken

II

Misstraut den Überschriften
den fett gedruckten
sie verbergen das Wichtigste
misstraut den Leitartikeln
den Inseraten
den Kurstabellen
den Leserbriefen
und den Interviews am Wochenende
Auch die Umfragen der Meinungsforscher
sind manipuliert
die Vermischten Nachrichten
von findigen Redakteuren erdacht
Misstraut dem Feuilleton
den Theaterkritiken Die Bücher
sind meist besser als ihre Rezensenten
lest das was sie verschwiegen haben
Misstraut auch den Dichtern
bei ihnen hört sich alles
schöner an auch zeitloser
aber es ist nicht wahrer nicht gerechter

III

Übernehmt nichts
ohne es geprüft zu haben
nicht die Wörter und nicht die Dinge
nicht die Rechnung und nicht das Fahrrad
nicht die Milch und nicht die Traube
nicht den Regen und nicht die Sätze
fasst es an schmeckt es dreht es nach allen Seiten
nehmt es wie eine Münze zwischen die Zähne
hält es stand? taugt es? seid ihr zufrieden?

IV

Ist Feuer noch Feuer und Laub noch…

Knarren eines geknickten Astes

Splittrig geknickter Ast,
Hangend schon Jahr um Jahr,
Trocken knarrt er im Wind sein Lied,
Ohne Laub, ohne Rinde,
Kahl, fahl, zu langen Lebens,
Zu langen Sterbens müd.
Hart klingt und zäh sein Gesang,
Klingt trotzig, klingt heimlich bang
Noch einen Sommer,
Noch einen Winter lang.

(Hermann Hesse)