Der Tote ist ein unsichtbares Telefon


Er ist die kleine Schnittmenge im Tortendiagramm der noch gegenläufigsten Leben. Eine Unruhe und ein Hunger sind allem eigen, in dem das Sterben angelegt ist. Es leitet die Wege und lässt stets fürchten, ob es die richtigen sind. Es bewahrt den Menschen vor der Unendlichkeit, dieser unerträglichen Vorstellung, und der Beliebigkeit, die mit ihr kommen muss. Es stellt die Uhren. Es ist ein Auftrag, ein Ruf zu Exzess als biologischer Imperativ, bevor man ins Grab sinkt. Der Tod ermuntert zum Leben, bis er eintritt....Wie schade, wenn man nicht weiß, wie man ihm persönlich begegnet, wenn er institutionalisiert und einsam ist, wenn es einem fremd bleibt, wie weich und schön die Hände, die alte Haut einer Großmutter sein können und wie lebenswichtig jede letzte Berührung, jedes Wort, jede Anwesenheit ist, nicht nur für die, die sterben, aber auch für einen selbst.

(Valerie Fritsch, erschienen in der Kleinen Zeitung vom 1. November 2015)

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