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Es werden Posts vom 2016 angezeigt.

Zwischenlandung

Wenn es auf Weihnachten geht
Kehren die Dichter
Zu ihren tüchtigen Frauen zurück
Ach was sind sie das ganze Jahr
Über die Erde gelaufen,
Was haben sie alles gehört was
Nachgedacht, ihre Zeitung geschrieben
Durch Fabriken gestiegen, den Kartoffeln
Brachten sie menschliche Umgangsformen bei, sahn
Dem Rauch nach der kriecht und steigt
Sie haben alles geschluckt manchmal Manhattan-
Cocktails wegen des Namens, sie verschärften
Den Klassenkampf meditierten
Über das Abstrakte bei Fischen, bis eines Tags
Durch ihre dünnen Mäntel die Kälte kommt
Sehnsucht
Nach einem wirklichen Fisch in der Schüssel
Sie jäh überfällt und Erinnrung
An die Frau, die sich am Feuer gewärmt hat
Da bleibt
Der Zorn in den großen Städten zurück, sie kommen
Mit seltsamen Hüten für ihre Kinder
Spüln sogar Wäsche spielen Klavier, bis
Sie es satt haben nach Neujahr, da
Brechen sie Streit vom Zaun, gehen erleichtert
Weg in den Handschuhn von unterm Weihnachtsbaum

(Sarah Kirsch)

Totschlagen

Erst die Zeit
dann eine Fliege
vielleicht eine Maus
dann möglichst viele Menschen
dann wieder die Zeit

(Erich Fried)

Innerlichkeit und Stille

In einem Interview mit der Kleinen Zeitung sagt Alfred Komarek über die Stille: "Man muss die Stille annehmen können. Man muss mit der Stille in eine Dialog treten...Mit der Stille muss man umgehen können. Oft kommt dann diese Angst: Um Gottes willen, jetzt ist es so still! Dann braucht man sofort Hintergrundmusik und andere Nebengeräusche. Das ist überhaupt die schlimmste Umweltverschmutzung: immer und überall beliebige Musik zu hören....Die Stille ist unanfassbar. Sie passt in keinen Raster, es gibt keine Gebrauchsanweisung dafür. Im Grunde ist die Stille ich selbst. Man kann die Stille nicht manipulieren, durch kein Wohlfühlprogramm, durch keinen Animateur. Das ist das Erschreckende und gleichzeitig das Spannende: Wenn die Stille echt ist, dann ist sie buchstäblich atemberaubend. Reine Stille hat etwas mit Gelassenheit zu tun. Und mit der Bereitschaft, etwas auf sich zukommen zu lassen....Alles wird zum Trend. Auch die Stille. Aber dann wird es fad. Als Gegenbewegung zur unte…

Zum Glück in Paris

Mit achtzehn war ich zum ersten Mal in Paris: meine Mutter hatte mir die Reise zum Abitur geschenkt. Ich trug römische Legionärssandalen, die waren gerade in Mode, und hatte mir einen langen, schmalen Schal aus roter Seide um den Hals gebunden, dessen beide Enden im Wind flatterten und den Leuten in die Augen wehten. Ich dachte, ich sähe umwerfend aus. Umgeworfen hat es aber nur mich selbst. Gleich am ersten Tag stolperte ich auf den Treppen vor der Sacré Coeur Basilika, fiel zweiundzwanzig Stufen hinunter und schlug mir beide Knie auf. Für den Rest der Reise sah ich aus wie ein kleines Kind: verschorft und unglücklich.

Viele Jahre später erst kam ich zum zweiten Mal nach Paris. Das Ministerium, in dem ich arbeitete, hatte mich zu einer Besprechung geschickt. Am Nordbahnhof angekommen, war ich gleich in die Métro gestiegen, und als ich in der Stadtmitte wieder über Tage kam, die Straße hinunterblickte und die verschnörkelten Pariser Balkone sah, konnte ich plötzlich nicht mehr weiter…

Knarren eines geknickten Astes

Splittrig geknickter Ast,
Hangend schon Jahr um Jahr,
Trocken knarrt er im Wind sein Lied,
Ohne Laub, ohne Rinde,
Kahl, fahl, zu langen Lebens,
Zu langen Sterbens müd.
Hart klingt und zäh sein Gesang,
Klingt trotzig, klingt heimlich bang
Noch einen Sommer,
Noch einen Winter lang.

(Hermann Hesse)

Manchmal bei irgendwelchen zufälligen Bewegungen

Streift meine Hand deine Hand deinen Handrücken
oder mein Körper der in Kleidern steckt lehnt fast ohne es zu wissen
einen Augenblick gegen deinen Körper in Kleidern
diese kleinsten beinahe pflanzlichen Bewegungen
dein abgewinkelter Blick und dein Auge absichtlich ins Leere wandernd
deine im Ansatz noch unterbrochene Frage wohin fährst du im Sommer
was liest du gerade
gehen mir mitten durchs Herz
und durch die Kehle hindurch wie ein süßes Messer
und ich trockne aus wie ein Brunnen in einem heißen Sommer

(Friederike Mayröcker)

Lila, Lila

Warum muss man immer erfolgreich sein, um bei anderen anzukommen? Warum muss ich mich verbiegen und verstellen, um die Aufmerksamkeit anderer Personen auf mich zu ziehen? Diese Thematik steht auch im Mittelpunkt des Romans "Lila, Lila" von Martin Suter.

Der Gelegenheitskellner David liebt Maria, die sich für Literatur, aber nicht für ihn interessiert. Da entdeckt er in einem alten Nachttisch das Manuskript eines Romans und gibt es als sein eigenes aus. Marie ist fasziniert von dem jungen, begabten "Schriftsteller" und schickt das Manuskript an einen Verlag. Prompt wird "Lila, Lila" zu einem Bestseller:

"David war vor jeder Lesung nervös. Er fühlte sich wie früher in der Schule beim Abschreiben. Jeden Moment konnte er erwischt und bloßgestellt werden. Immer war er darauf gefaßt, daß aus dem Halbdunkel des Saals eine Stimme "Betrüger!" rief. Es wurde zum Markenzeichen von David Kern, daß er aus seinem Roman las wie ein reuiger Verbrecher aus …

Born to Run

Ich bin zehn Jahre alt und kenne jede Ritze, jeden kleinen Spalt des bröckelnden Gehwegs, der die Randolph Street, meine Straße, rauf- und runterführt. Hier verbringe ich die Nachmittage damit, als Hannibal die Alpen zu überqueren, als GI auf schroffen Bergen gnadenlose Kämpfe auszufechten oder als einer meiner zahllosen Cowboyhelden auf steinigen Pässen durch die Sierra Nevada zu ziehen.....Auf diesen Straßen bin ich im Kinderwagen rumkutschiert worden, hab ich laufen gelernt, hat mein Großvater mir das Radfahren beigebracht. Hier hab ich meine ersten Raufereien ausgestanden oder vor ihnen Reißaus genommen. Ich lernte die Tragweite und den Trost wahrer Freundschaft kennen, verspürte die ersten sexuellen Regungen und sah vor dem Siegeszug der Klimaanlage abends zu, wie sich die Veranden mit den Nachbarn füllten, die draußen das Gespräch und ein wenig Erholung von der Sommerhitze suchten.

(Aus: Born to Run: Die Autobiografie von Bruce Springsteen)

Von Beautyfarmen und Reizwortgeschichten

Jedenfalls hab ich die ganzen Sommerferien im Keller gesessen und geschnitzt. Und das waren tolle Sommerferien, viel besser als Urlaub. Meine Eltern waren fast nie zu Hause. Mein Vater fuhr von Gläubiger zu Gläubiger, umd meine Mutter war auf der Beautyfarm. Und da hab ich dann eben auch den Aufsatz drüber geschrieben: Mutter und die Beautyfarm.Reizwortgeschichte von Maik Klingenberg.

In der nächsten Stunde durfte ich sie vorlesen. Oder musste. Ich wollte ja nicht. Svenja war zuerst dran, und die hat diesen Quatsch mit der Cote d´Azur vorgelesen, den Schürmann wahnsinnig toll fand, und dann hat Kevin nochmal das Gleiche vorgelesen, nur dass die Cote d´Azur jetzt die Nordsee war, und dann kam ich. Mutter auf der Schönheitsfarm. Die ja nicht wirklich eine Schönheitsfarm war. Obwohl meine Mutter tatsächlich immer etwas besser aussah, wenn sie von dort zurückkam. Aber eigentlich ist es eine Klinik. Sie ist ja Alkoholikerin. Sie hat Alkohol getrunken, solange ich denken kann, aber der Unt…

Wenn du willst

Wenn du willst
wird der Flieder
zärtliche Augen haben
Regen wird
das schwarze Feuer löschen
der Schatten hinter dir
und der Schatten vor dir
werden ein Baum sein

Wenn du willst
wird Vogel Strauß
seinen Kopf in den Sand stecken
Mai wird nicht mürrisch sein
der Schatten vor dir und der
Schatten hinter dir
werden keine Uniform tragen

Und der Flieder
wird Augen machen
weil du ihm glaubst.

(Rose Ausländer)

"Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar" - Auf den Spuren von Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann wurde 1926 in Klagenfurt geboren, wo sie auch die Volksschule, das Bundesrealgymnasium sowie die "Oberschule für Mädchen" in der Ursulinengasse besuchte. Wer die Schriftstellerin literarisch erwandern möchte, beginnt am besten beim Robert-Musil-Literatur-Museum, das in der Bahnhofstraße Nr. 50 untergebracht ist. Von dort aus gelangt man mit dem Bus oder auch zu Fuß zum Neuen Platz, den Bachmann in ihrer Erzählung "Jugend in einer österreichischen Stadt" erwähnt:

"Der heilige Georg steht auf dem Neuen Platz, steht mit der Keule, und erschlägt den Lindwurm nicht. Daneben die Kaiserin steht und erhebt sich nicht...." (Jugend in einer österreichischen Stadt, S. 92)

Ganz in der Nähe des Platzes liegt auch die Ursulinengasse, in der Ingeborg Bachmanns altes Gymnasium zu finden ist. Zwischen 1945 und 1965 war hier das staatliche Realgymnasium untergebracht, das dann in die Ferdinand-Jergitsch-Straße übersiedelte und seit 1994 auch "Bachmann…

Wenn wir in den Sommernächten....

....hinausfahren zum Steinsee, dann liegt er meistens ganz still, und da wir ihn, den wir nie bei Tag gesehen haben, gut kennen, finden wir auch immer gleich den Steg im Schilf, auf dessen Planke wir nacht- und weintrunken, nebeneinander ausgestreckt, Sterne, See und Stille kosten. Ich lasse mich nackt ins Wasser, alles berührt mich, die laue Kälte, die Schwärze, die Wärme von innen bei jedem Armzug. Dann nass in die Kleider und ein dünnes Rinnsal Wein in die Kehle geschüttet!

(Aus: Momentum von Roger Willemsen)

Weg

Ich bin der Weg.

Ich ziele wie ein Pfeil
auf die Ferne,
aber in der Ferne
bin ich
weg.

Wenn du mir folgst,
hierher, dorthin, hierher,
findest du hin,
wie auch immer.

Weg ist weg.

(Cees Nooteboom, übersetzt von Ard Posthuma)

Siri Hustvedt: Was ich liebte

Ein von Manu (@manuelamolk) gepostetes Foto am 29. Jun 2016 um 12:29 Uhr


"Gestern fand ich Violets Briefe an Bill. Sie fielen zwischen den Seiten eines seiner Bücher heraus und flatterten zu Boden. Ich wusste seit Jahren von diesen Briefen, doch weder Bill noch Violet hatten mir je erzählt, was darin stand. Sie hatten mir nur erzählt, Bill habe, unmittelbar nachdem er den fünften und letzten gelesen hatte, sich seine Ehe mit Lucille noch einmal durch den Kopf gehen lassen, die Haustür in der Greene Street hinter sich zugeschlagen und sei schnurstracks zu Violets Wohnung im East Village gegangen. Als ich die Briefe in der Hand hielt, spürte ich das nachhaltige Gewicht jener Dinge, die verzaubert sind, weil man immer wieder Geschichten darüber gehört hat. Meine Augen sind schlecht geworden, und ich brauchte eine ganze Weile, um die Briefe zu lesen, doch es gelang mir, jedes Wort zu entziffern. Als ich sie aus der Hand legte, wusste ich, dass ich heute anfangen würde, dieses Buch zu …

Die Erblindende

Sie saß so wie die anderen beim Tee.
Mir war zuerst, als ob sie ihre Tasse
ein wenig anders als die andern fasse.
Sie lächelte einmal. Es tat fast weh.

Und als man schließlich sich erhob und sprach
und langsam und wie es der Zufall brachte
durch viele Zimmer ging
(man sprach und lachte)
da sah ich sie. Sie ging den andern nach,

verhalten, so wie eine, welche gleich
wird singen müssen und vor vielen Leuten;
auf ihren hellen Augen die sich freuten
war Licht von außen wie auf einem Teich.

Sie folgte langsam und sie brauchte lang
als wäre etwas noch nicht überstiegen;
und doch: als ob, nach einem Übergang,
sie nicht mahr gehen würde, sondern
fliegen.

(Rainer Maria Rilke)

Auf dem Tisch

die Bruchstücke unseres gemeinsamen
Lebens. Zerknüllte Taschentücher,
daneben ein Hoffnungsschimmer
während die sauer gewordene Milch
neben deinem rissigen Kaffeebecher
leise vor sich hin schweigt.

Die Gräben im Bett sind tiefer geworden
im Kopfpolster ein Loch vom schneidenden Ton
und trotz hochgestellter Heizung
scheint es um uns zu frieren.

Wir packen die Koffer ein:
zusammengeklebte Herzen
und Strahleaugen aus dem
Land der Träume.

(Molk Manuela)

Die Erfindung der Einsamkeit

"Bar jeder Leidenschaft, weder für eine Sache, noch eine Person, noch eine Idee; unfähig oder nicht willens, sich unter gleich welchen Umständen zu offenbaren, war es ihm gelungen, sich vom Leben fernzuhalten, jegliches Eintauchen in den Daseinsstrom zu vermeiden. Er aß, er ging zur Arbeit, er hatte Freunde, er spielte Tennis, abe trotz alledem war er abwesend. Er war im tiefsten, im unabänderlichsten Sinn ein Unsichtbarer. Unsichtbar für andere, und höchstwahrscheinlich auch unsichtbar für sich selbst. Als er noch lebte, habe ich ihn ständig besucht, habe ich mich ständig bemüht, den abwesenden Vater zu finden, und jetzt, da er tot ist, glaube ich noch immer nach ihm suchen zu müssen. Der Tod hat nichts geändert. Nur daß mir die Zeit knapp geworden ist."

(Aus: Die Erfindung der Einsamkeit
von Paul Auster)

NIE

NIE
wollte da einer
sich wegschreiben,

den Dingen den Abschied geben:
sie verdienen ihn
nicht.

Die Orte nimmt
einer doch
mit sich?

Die Kluft, die sich
auftut in
Zwischenzeiten:

ihr Urheber
möchte ich
nicht sein.

Wegatmen
will ich sie
als wäre sie Luft.

(Fabjan Hafner)

An die Mutter

Abends frag ich meine Mutter
heimlich nach dem Glockenläuten,
wie ich mir die Tage deuten
und die Nacht bereiten soll.

Tief im Grund verlang ich immer
alles restlos zu erzählen,
in Akkorden auszuwählen,
was an Klängen mich umspielt.

Leise lauschen wir zusammen:
meine Mutter träumt mich wieder,
und sie trifft, wie alte Lieder,
meines Wesens Dur und Moll.

(Ingeborg Bachmann)

Wir haben Raketen geangelt

Ich lese sehr selten Erzählungen oder Kurzgeschichten, aber von Wir haben Raketen geangelt: Erzählungen (dtv Literatur)
war ich fasziniert. Weil die Geschichten mich von Anfang an in den Bann gezogen haben, Geschichten, die von Einsamkeit, Verlassenwerden, Krankheit oder Tod erzählen. Ihre Sprache kommt dabei mit sehr wenig Pathos aus, ihre Protagonisten sind zynisch und stellen sich dem Leben, jeder auf seine ganz eigene Art und Weise.


Karen Köhler nimmmt sich in ihrem Buch Themen an, die nach wie vor tabu sind, sie schreibt über Alkoholismus, Selbstmord oder von einem Coming-Out, das in der Familie mehr oder weniger ignoriert wird. Dazwischen herrscht aber auch viel Fröhlichkeit, die Menschen versprühen trotz ihrer Schwierigkeiten Energie und Abenteuerlust. Das Buch lässt einen anders zurück, aufgewühlt auf Grund der ungeschliffenen, schönen Bilder und Momentaufnahmen, die manchmal nur kurze Postkarten sind. Und am Ende steht man ganz sprachlos da, weil die Geschichten dieser zerb…

Zum Kern vordringen

Die Größe seiner Hände. Die Schwielen daran.
Die Haut von der Schokolade löffeln.
Tee mit Zitrone.
Die schwarzen Hornbrillen, die überall im Haus herumlagen:
auf Anrichten, auf Tischen, auf dem Rand des Waschbeckens im Badezimmer - immer aufgeklappt, lagen sie dort wie merkwürdige, unbekannte Tiere.
Ihm beim Tennisspielen zusehen.
Wie seine Knie beim Gehen manchmal einknickten.
Sein Gesicht.
Seine Ähnlichkeit mit Abraham Lincoln, und wie die Leute dauernd Bemerkungen darüber machten.
Seine Furchtlosigkeit vor Hunden.
Sein Gesicht. Und noch einmal, sein Gesicht.
Tropenfische.

(Paul Auster)

Foto: Zum Kern vordringen

Reisen wir

Aber wohin
frage ich

Heimwärts

Aber wo ist das
frage ich

Innen
sagte die Stimme

(Doris Mühringer)

Gedichte lesen

Wer von einem Gedicht
seine Rettung erwartet
der sollte lieber
lernen
Gedichte zu lesen

Wer von einem Gedicht
keine Rettung erwartet
der sollte lieber
lernen
Gedichte zu lesen.

(Erich Fried)

April

Da kommt er
wirft Luftlappen ins Gesicht
drückt Sonne auf den Rücken
lacht überlaut wickelt den
Park in grünen Taft zerreißt
ihn wieder stellenweise
pufft die Kinder spielt mit den
Röcken erschreckter Gouvernanten
drückt alle Regenhebel
macht los die Nordhunde von den Ketten und
lässt sie laufen nach Windlust

Ein toller Geselle
eine Art Eulenspiegel
auch gangsterhafte Gesten hat er
(jaja mein Lieber du
machst es uns nicht leicht
dich liebzuhaben)
und doch und doch
im großen und ganzen
ein prächtiger Kerl
dieser April

(Rose Ausländer)

Frühling

Meine orangefarbenen
Abende ruhen in deinen Augen.
Du bist eine leise Blume
über dem Weg.
Manchmal verbergen Pappeln
meine Stimme zu dir:
dann zerbrechen gläserne Stunden.
Ich bekreuzige meine
hellblaue Ohnmacht.
Meinen glatten Handflächen
haften Monde an.
Wir haben alle violetten Winde
aus Nebel durchschritten und
alle grünen aus Eis und
alle roten aus Sonne und
sind geworden wie ein Gestirn.
(Friederike Mayröcker)

Zeichen und Anflüge von der Peripherie

2013

Warum nur ermangle ich, zeitweise, so sehr des Gefühls, oder der Gewißheit, so reich zu sein, wie ich es doch bin? Mein sterbender Großvater, im Liegen an der Zimmerwand kratzend, jeden Tag weiter unten, mit geschlossenen Augen: Hat er noch das Januarlicht gespürt? Er möge! (Seit fast einem halben Jahrhundert tot, Gedanke an seinem Todestag) "Sie schreiben Bücher?" - "Nein. Ich habe eines geschrieben, und dann ein zweites, und danach ein drittes. Und vielleicht gelingt mir noch ein letztes."

(Aus: Peter Handke: Vor der Baumschattenwand nachtsZeichen und Anflüge von der Peripherie 2007-2015)


Vorschlag

Ramme einen Pfahl
in die dahinschießende Zeit.
Durch deine Hand rinnt der Sand
und bildet Formlosigkeiten,
die sogleich auf Nimmerwiedersehen
in sich selbst einsinken:
vertanes Leben.

Was du nicht erschaffst, du
bist es nicht. Dein Sein nur Gleichung
für Tätigsein: Wie will denn,
wer nicht Treppen zimmert,
über sich hinausgelangen?
Wie will heim zu sich selber finden,
der ohne Weggenossen?

Hinterlaß mehr als die Spur
deiner Tatze, das Testament
ausgestorbner Bestien, davon die Welt
übergenug schon erblickt.

Ramme einen Pfahl ein. Ramme
einen einzigen, einen neuen Gedanken
als geheimes Denkmal
deiner einmaligen Gegenwart
in den Deich gegen die ewige Flut.

(Günter Kunert)

Alex Capus: Léon und Louise

Ein Buch, das lange nachhallt. Eines, das ich beendet habe, um es dann noch einmal zu beginnen. Eine Liebesgeschichte. Aber keine, die in Hollywood anzusiedeln ist. Es ist die Geschichte von Léon und Louise, die sich während des Ersten Weltkrieges im kleinen Ort Saint-Luc kennen und lieben lernen, dann aber in ein Mündungsfeuer der deutschen Artillerie geraten und getrennt werden. Zehn Jahre vergehen und León lebt inzwischen mit seiner Frau Yvonne - in der er eher einen guten Freund als die große Liebe sieht - in Paris. Eines Tages sieht er Louise plötzlich in der Metro wieder.

Es ist eine sehr leise Geschichte, die Alex Capus hier erzählt, aber gerade deswegen berührt sie. Weil sie nicht ins Kitschige abrutscht und die Liebe, obwohl sie über einen sehr langen Zeitraum keine Erfüllung findet, dennoch amüsant und humorvoll beschrieben wird. "Léon und Louise" ist ein kluger Roman, einer der zeigt, wie das Leben verlaufen kann. So bekommen Léon und Yvonne insgesamt fünf Kinde…

Vom Ende der Einsamkeit

Das Gegengift zu Einsamkeit ist nicht das wahllose Zusammensein mit irgendwelchen Leuten. Das Gegengift zu Einsamkeit ist Geborgenheit.

(Aus: Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit)

Ziehende Landschaft

Man muss weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir
ständen fest.
Man muss den Atem anhalten
bis der Wind nachlässt
und die fremde Luft um uns zu
kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau,
die alten Muster zeigt
und wir zuhause sind,
wo wir zuhause sind,
wo es auch sei,
und niedersitzen können und uns
anlehnen,
als sei es ein Grab
unserer Mutter.

(Hilde Domin)