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Es werden Posts vom Januar, 2016 angezeigt.

Der Sommer ohne Männer

"Explodieren ist nicht dasselbe wie Zusammenbrechen, und wie wir schon festgestellt haben, kann sogar ein Zusammenbruch einen Zweck erfüllen, eine Bedeutung haben. Sie haben sich lange zusammengenommen, aber Risse auszuhalten gehört zum Wohlbefinden und Lebendigsein dazu. Sie scheinen keine Angst vor sich selbst zu haben."

"Als ich in jener Nacht im Bett lag, ging ein Junigewitter über der Stadt nieder, und es donnerte laut, berstendes Krachen wie eine Reihe von Detonationen, vermischt mit einem wieder und wieder nachhallenden Dröhnen über mir. Bald darauf kam das Brausen von dichtem, schnellem Regen draußen. Ich erinnerte mich an die starken Winde meiner Kindheit und daran, dass ich morgens beim Erwachen auf die Straße gestürzte Äste sah. Ich erinnerte mich an die verzauberte Stille, die vor dem Wirbelsturm oder Gewitter eintrat, als hielte die ganze Erde den Atem an, und an das unheimliche Grün, das den Himmel färbte. Ich erinnerte mich an die Unermesslichkeit der We…

Ich denke sowieso mit dem Knie

Lass dich fallen.
Lerne Schlangen beobachten.
Pflanze unmögliche Gärten.
Lade jemanden Gefährlichen
zum Tee ein.
Nache kleine Zeichen, die "Ja"
sagen, und verteile sie überall
in deinem Haus.
Werde ein Freund von Freiheit
und Unsicherheit.
Freue dich auf Träume.
Weine bei Kinofilmen.
Schaukle so hoch du kannst mit
einer Schaukel bei Mondlicht.
Pflege verschiedene Stimmungen.
Verweigere dich, verantwortlich
zu sein.
Tue es aus Liebe.
Mach eine Menge Nickerchen.
Gib Geld weiter. Mach es jetzt.
Das Geld wird folgen.
Glaube an Zauberei.
Lache eine Menge.
Bade im Mondlicht.
Träume wilde phantasievolle
Träume.
Zeichne auf die Wände.
Lies jeden Tag.
Stell dir vor, du wärst verzaubert.
Kichere mit Kindern.
Höre alten Leuten zu.
Öffne dich. Tauche ein. Sei frei.
Preise dich selbst.
Lass die Angst fallen.
Spiele mit allem.
Unterhalte das Kind in dir.
Du bist unschuldig.
Baue eine Burg aus Decken.
Werde nass.
Umarme Bäume,
Schreibe Liebesbriefe.

(Joseph Beuys)

Wir sehen uns am Ende der Welt

"Ich wusste, dass ich Jens nicht wiederfinden würde, dass ich mein Leben wieder aufnehmen musste. Der Schmerz über sein Verschwinden ließ nach. Anfangs konnte ich mir das nicht eingestehen, aber es wurde leichter. Ich spürte, dass eine neue Zeit anbrach. Ich erwachte. Der Sommer stand vor der Tür und entschlossen bohrte sich das Sonnenlicht an der Gardine vorbei, erreichte die Schlafzimmerwand. Immer weiter flutete die Sonne in mein Zimmer. Ehe ich mich versah, saß ich am Bettrand, ging in die Küche und stand schon am Herd über dem pfeifenden Teekessel. Ich brauchte nichts zu tun, die Tage füllten sich wie von selbst."
(Aus: Wir sehen uns am Ende der Welt von Miek Zwamborn)

Glück

"Wenn Sie sich auf die paar Dinge beschränken, die Sie glücklich machen, dann werden Sie auch als Kellner zufrieden sein. Es geht nur um Träume und die Hoffnung, sie zu verwirklichen. Stellen Sie sich eine Kassiererin vor. Eine arme Frau, der das Leben immer wieder ein Bein gestellt hat und die bis zu ihrem Tod nichts anderes macht als Frtten, Nudeln und billige Weinflaschen an der Kasse einzuscannen. Und jetzt stellen Sie sich die gleiche Frau vor, wie sie Ihnen sagt, dass sie in ihrer Freizeit spätabends an einem Roman sitzt oder dass sie einen Song schreibt oder einen Rucksacktrip durch China plant. Ein völlig anderer Mensch, nicht wahr? Und genau darum geht es. Um Träume, um Hoffnungen, um Sehnsüchte." (Benedict Wells)

Bruchstelle zwischen alt und neu

Sie liebte diesen ersten Tag im Jahr - Bruchstelle zwischen alt und neu -, gab sich ganz der Illusion hin, ihr Leben von Grund auf neu zu ordnen, ein neuer Mensch werden zu können. Alles, was ihr an ihr selbst nicht behagte, wollte sie ablegen und neue Ziele ins Visier nehmen.

(Aus: Die kleinste Fessel drückt mich unerträglich: Das Leben der Franziska zu Reventlow)

Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

Normalerweise machen mir Bücher über das Altwerden Angst. Dieses hier nicht. Dieses hier macht Mut. Weil es eine Liebeserklärung an das Älterwerden ist. Weil es zeigt, dass das Leben zu jedem Zeitpunkt lebenswert sein kann. Weil der Vater von Arno Geiger vielleicht etwas Eigenbrötlerisch ist, aber Humor besitzt und Weisheit. Sätze sagt wie "Es geschehen keine Wunder, aber Zeichen." oder "Das Leben ist ohne Probleme auch nicht leichter". Deshalb ist das Buch für mich in erster Linie auch kein Buch über die so gefürchtete Alzheimererkrankung sondern ein Buch über das Altern und darüber, wie die Familie damit umgeht. Eine Lektüre, die einen dankbarer und ehrfürchtiger dem Leben gegenüber macht und zeigt, wie es möglich ist, mi tdem Altwerden und mit Krankheit umzugehen.

"Es trifft mich immer unvorbereitet, wenn mir der Vater mit einer Sanftheit, die mir früher nicht an ihm aufgefallen ist, seine Hand an die Wange legt, manchmal die Handfläche, sehr oft die Rücks…