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Der Sommer ohne Männer


"Explodieren ist nicht dasselbe wie Zusammenbrechen, und wie wir schon festgestellt haben, kann sogar ein Zusammenbruch einen Zweck erfüllen, eine Bedeutung haben. Sie haben sich lange zusammengenommen, aber Risse auszuhalten gehört zum Wohlbefinden und Lebendigsein dazu. Sie scheinen keine Angst vor sich selbst zu haben."

"Als ich in jener Nacht im Bett lag, ging ein Junigewitter über der Stadt nieder, und es donnerte laut, berstendes Krachen wie eine Reihe von Detonationen, vermischt mit einem wieder und wieder nachhallenden Dröhnen über mir. Bald darauf kam das Brausen von dichtem, schnellem Regen draußen. Ich erinnerte mich an die starken Winde meiner Kindheit und daran, dass ich morgens beim Erwachen auf die Straße gestürzte Äste sah. Ich erinnerte mich an die verzauberte Stille, die vor dem Wirbelsturm oder Gewitter eintrat, als hielte die ganze Erde den Atem an, und an das unheimliche Grün, das den Himmel färbte. Ich erinnerte mich an die Unermesslichkeit der Welt."

"Viele Frauen lesen Romane. Die meisten Männer nicht. Frauen lesen Romane von Frauen und Männern. Die meisten Männer nicht. Schlägt ein Mann einen Roman auf, hat er gern einen männlichen Namen auf dem Cover, das ist irgendwie beruhigend. Man weiß ja nie, was mit diesem äußeren Genital passieren könnte, wenn man in eine imaginäre Welt eintaucht, die von jemandem ausgeheckt wurde, bei dem sich die beweglichen Sachen innen befinden."

"Ich war so auf Gedeih und Verderb mit Boris verflochten gewesen, dass sein Abgang mich zerrissen, mich schreiend in die Anstalt befördert hatte. Und war die Angst, die ich empfunden hatte, nicht alt gewesen, die Angst vor Zurückweisung, die Angst, Missfallen zu erregen, nicht liebenswert zu sein, eine Angst, vielleicht älter als meine klare Erinnerung? Monatelang war ich in Wut und Kummer ertrunken, aber im Verlauf des Sommers hatte sich mein Geist allmählich, unbewusst und schrittweise verändert."

"Manchen von uns ist es bestimmt, in einer Schachtel zu leben, aus der es nur eine zeitweilige Freilassung gibt. Wir mit den beschädigten Lebensgeistern, den vereitelten Gefühlen, dem blockierten Herzen und den aufgestauten Gedanken, wir, die wir uns danach sehnen, auszubrechen, in einer Flut von Wut, Freude oder gar Wahnsinn überströmen, doch gibt es für uns kein Wohin, nirgendwo auf der Welt, weil niemand und so haben will, wie wir sind, und wir können nichts tun, als uns die heimlichen Freuden unserer Sublimierungen zu eigen zu machen, den Bogen eines Satzes, den Kuss eines Reims, das Bild, das auf Papier oder Leinwand entsteht, die innere Kantate, die klösterliche Stickerei, die dunkle, träumerische Nadelarbeit aus der Hölle, dem Himmel oder dem Fegefeuer oder aus keinem der drei, doch es muss einigen Schall und Wahn von uns geben, einige Zimbelschläge in der Leere. Wer würde uns die bloße Pantomime einer Raserei verweigern? Wir, die Schauspieler, die auf einer von niemandem beachteten Bühne auf und ab schreiten, mit wogendem Busen und fliegenden Fäusten?"

Aus: Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer

Und dann mochte ich noch:

- "Immer kriecht sie sich selbst unter die Haut"....diesen Artikel über Siri Hustvedt und diesen hier....
- und dieses Video, in dem sie über Kunst spricht

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Anweisung für Zeitungsleser

I

Prüft jedes Wort
prüft jede Zeile
vergesst niemals
man kann
mit einem Satz
auch den Gegen-Satz ausdrücken

II

Misstraut den Überschriften
den fett gedruckten
sie verbergen das Wichtigste
misstraut den Leitartikeln
den Inseraten
den Kurstabellen
den Leserbriefen
und den Interviews am Wochenende
Auch die Umfragen der Meinungsforscher
sind manipuliert
die Vermischten Nachrichten
von findigen Redakteuren erdacht
Misstraut dem Feuilleton
den Theaterkritiken Die Bücher
sind meist besser als ihre Rezensenten
lest das was sie verschwiegen haben
Misstraut auch den Dichtern
bei ihnen hört sich alles
schöner an auch zeitloser
aber es ist nicht wahrer nicht gerechter

III

Übernehmt nichts
ohne es geprüft zu haben
nicht die Wörter und nicht die Dinge
nicht die Rechnung und nicht das Fahrrad
nicht die Milch und nicht die Traube
nicht den Regen und nicht die Sätze
fasst es an schmeckt es dreht es nach allen Seiten
nehmt es wie eine Münze zwischen die Zähne
hält es stand? taugt es? seid ihr zufrieden?

IV

Ist Feuer noch Feuer und Laub noch…

Knarren eines geknickten Astes

Splittrig geknickter Ast,
Hangend schon Jahr um Jahr,
Trocken knarrt er im Wind sein Lied,
Ohne Laub, ohne Rinde,
Kahl, fahl, zu langen Lebens,
Zu langen Sterbens müd.
Hart klingt und zäh sein Gesang,
Klingt trotzig, klingt heimlich bang
Noch einen Sommer,
Noch einen Winter lang.

(Hermann Hesse)

Ikea

Hej. Da ist ja Frau Kreil. Frau Kreil ist Schwedin, keine Schwedenbombe von Inzersdorfer, aber sie hat eine schöne neue Einrichtung von Ikea, dem Möbelhaus aus Schweden. Schweden liegt in Norwegen, nein, in Leningrad. In Schweden wohnen nur Blondinen und Tischler, und dann gibt es noch die Lachsfischer und Fleischbällchendreher fürs Ikea Mittagsmenü. Doch das ist Frau Kreil egal, sie wohnt nicht in Schweden, sondern in ihrer Wohnlandschaft. Frau Kreil sitzt in ihrem Sofa Strömstad, und trinkt Schwedentropfen im Tee aus der Teetasse Flenn. Die Teetasse Flenn steht mitsamt dem Tee und den Schwedentropfen auf dem Couchtisch Glasholm. Auch der Bilderrahmen Resling und die Duftkerzen Flutschi und Hui stehen auf dem Couchtisch Glasholm. Außerdem steht dort noch die Gelse Gisela, aber die ist nicht von Ikea. Im Bilderrahmen Resling ist ein Photo von Herrn Kreil. Frau Kreil wartet, daß Herr Kreil nach Hause kommt. Die Gelse Gisela wartet auch auf Herrn Kreil, weil der das süßere Blut hat, …