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Es werden Posts vom März, 2016 angezeigt.

April

Da kommt er
wirft Luftlappen ins Gesicht
drückt Sonne auf den Rücken
lacht überlaut wickelt den
Park in grünen Taft zerreißt
ihn wieder stellenweise
pufft die Kinder spielt mit den
Röcken erschreckter Gouvernanten
drückt alle Regenhebel
macht los die Nordhunde von den Ketten und
lässt sie laufen nach Windlust

Ein toller Geselle
eine Art Eulenspiegel
auch gangsterhafte Gesten hat er
(jaja mein Lieber du
machst es uns nicht leicht
dich liebzuhaben)
und doch und doch
im großen und ganzen
ein prächtiger Kerl
dieser April

(Rose Ausländer)

Frühling

Meine orangefarbenen
Abende ruhen in deinen Augen.
Du bist eine leise Blume
über dem Weg.
Manchmal verbergen Pappeln
meine Stimme zu dir:
dann zerbrechen gläserne Stunden.
Ich bekreuzige meine
hellblaue Ohnmacht.
Meinen glatten Handflächen
haften Monde an.
Wir haben alle violetten Winde
aus Nebel durchschritten und
alle grünen aus Eis und
alle roten aus Sonne und
sind geworden wie ein Gestirn.
(Friederike Mayröcker)

Zeichen und Anflüge von der Peripherie

2013

Warum nur ermangle ich, zeitweise, so sehr des Gefühls, oder der Gewißheit, so reich zu sein, wie ich es doch bin? Mein sterbender Großvater, im Liegen an der Zimmerwand kratzend, jeden Tag weiter unten, mit geschlossenen Augen: Hat er noch das Januarlicht gespürt? Er möge! (Seit fast einem halben Jahrhundert tot, Gedanke an seinem Todestag) "Sie schreiben Bücher?" - "Nein. Ich habe eines geschrieben, und dann ein zweites, und danach ein drittes. Und vielleicht gelingt mir noch ein letztes."

(Aus: Peter Handke: Vor der Baumschattenwand nachtsZeichen und Anflüge von der Peripherie 2007-2015)


Vorschlag

Ramme einen Pfahl
in die dahinschießende Zeit.
Durch deine Hand rinnt der Sand
und bildet Formlosigkeiten,
die sogleich auf Nimmerwiedersehen
in sich selbst einsinken:
vertanes Leben.

Was du nicht erschaffst, du
bist es nicht. Dein Sein nur Gleichung
für Tätigsein: Wie will denn,
wer nicht Treppen zimmert,
über sich hinausgelangen?
Wie will heim zu sich selber finden,
der ohne Weggenossen?

Hinterlaß mehr als die Spur
deiner Tatze, das Testament
ausgestorbner Bestien, davon die Welt
übergenug schon erblickt.

Ramme einen Pfahl ein. Ramme
einen einzigen, einen neuen Gedanken
als geheimes Denkmal
deiner einmaligen Gegenwart
in den Deich gegen die ewige Flut.

(Günter Kunert)

Alex Capus: Léon und Louise

Ein Buch, das lange nachhallt. Eines, das ich beendet habe, um es dann noch einmal zu beginnen. Eine Liebesgeschichte. Aber keine, die in Hollywood anzusiedeln ist. Es ist die Geschichte von Léon und Louise, die sich während des Ersten Weltkrieges im kleinen Ort Saint-Luc kennen und lieben lernen, dann aber in ein Mündungsfeuer der deutschen Artillerie geraten und getrennt werden. Zehn Jahre vergehen und León lebt inzwischen mit seiner Frau Yvonne - in der er eher einen guten Freund als die große Liebe sieht - in Paris. Eines Tages sieht er Louise plötzlich in der Metro wieder.

Es ist eine sehr leise Geschichte, die Alex Capus hier erzählt, aber gerade deswegen berührt sie. Weil sie nicht ins Kitschige abrutscht und die Liebe, obwohl sie über einen sehr langen Zeitraum keine Erfüllung findet, dennoch amüsant und humorvoll beschrieben wird. "Léon und Louise" ist ein kluger Roman, einer der zeigt, wie das Leben verlaufen kann. So bekommen Léon und Yvonne insgesamt fünf Kinde…