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Es werden Posts vom Oktober, 2016 angezeigt.

Knarren eines geknickten Astes

Splittrig geknickter Ast,
Hangend schon Jahr um Jahr,
Trocken knarrt er im Wind sein Lied,
Ohne Laub, ohne Rinde,
Kahl, fahl, zu langen Lebens,
Zu langen Sterbens müd.
Hart klingt und zäh sein Gesang,
Klingt trotzig, klingt heimlich bang
Noch einen Sommer,
Noch einen Winter lang.

(Hermann Hesse)

Manchmal bei irgendwelchen zufälligen Bewegungen

Streift meine Hand deine Hand deinen Handrücken
oder mein Körper der in Kleidern steckt lehnt fast ohne es zu wissen
einen Augenblick gegen deinen Körper in Kleidern
diese kleinsten beinahe pflanzlichen Bewegungen
dein abgewinkelter Blick und dein Auge absichtlich ins Leere wandernd
deine im Ansatz noch unterbrochene Frage wohin fährst du im Sommer
was liest du gerade
gehen mir mitten durchs Herz
und durch die Kehle hindurch wie ein süßes Messer
und ich trockne aus wie ein Brunnen in einem heißen Sommer

(Friederike Mayröcker)

Lila, Lila

Warum muss man immer erfolgreich sein, um bei anderen anzukommen? Warum muss ich mich verbiegen und verstellen, um die Aufmerksamkeit anderer Personen auf mich zu ziehen? Diese Thematik steht auch im Mittelpunkt des Romans "Lila, Lila" von Martin Suter.

Der Gelegenheitskellner David liebt Maria, die sich für Literatur, aber nicht für ihn interessiert. Da entdeckt er in einem alten Nachttisch das Manuskript eines Romans und gibt es als sein eigenes aus. Marie ist fasziniert von dem jungen, begabten "Schriftsteller" und schickt das Manuskript an einen Verlag. Prompt wird "Lila, Lila" zu einem Bestseller:

"David war vor jeder Lesung nervös. Er fühlte sich wie früher in der Schule beim Abschreiben. Jeden Moment konnte er erwischt und bloßgestellt werden. Immer war er darauf gefaßt, daß aus dem Halbdunkel des Saals eine Stimme "Betrüger!" rief. Es wurde zum Markenzeichen von David Kern, daß er aus seinem Roman las wie ein reuiger Verbrecher aus …

Born to Run

Ich bin zehn Jahre alt und kenne jede Ritze, jeden kleinen Spalt des bröckelnden Gehwegs, der die Randolph Street, meine Straße, rauf- und runterführt. Hier verbringe ich die Nachmittage damit, als Hannibal die Alpen zu überqueren, als GI auf schroffen Bergen gnadenlose Kämpfe auszufechten oder als einer meiner zahllosen Cowboyhelden auf steinigen Pässen durch die Sierra Nevada zu ziehen.....Auf diesen Straßen bin ich im Kinderwagen rumkutschiert worden, hab ich laufen gelernt, hat mein Großvater mir das Radfahren beigebracht. Hier hab ich meine ersten Raufereien ausgestanden oder vor ihnen Reißaus genommen. Ich lernte die Tragweite und den Trost wahrer Freundschaft kennen, verspürte die ersten sexuellen Regungen und sah vor dem Siegeszug der Klimaanlage abends zu, wie sich die Veranden mit den Nachbarn füllten, die draußen das Gespräch und ein wenig Erholung von der Sommerhitze suchten.

(Aus: Born to Run: Die Autobiografie von Bruce Springsteen)

Von Beautyfarmen und Reizwortgeschichten

Jedenfalls hab ich die ganzen Sommerferien im Keller gesessen und geschnitzt. Und das waren tolle Sommerferien, viel besser als Urlaub. Meine Eltern waren fast nie zu Hause. Mein Vater fuhr von Gläubiger zu Gläubiger, umd meine Mutter war auf der Beautyfarm. Und da hab ich dann eben auch den Aufsatz drüber geschrieben: Mutter und die Beautyfarm.Reizwortgeschichte von Maik Klingenberg.

In der nächsten Stunde durfte ich sie vorlesen. Oder musste. Ich wollte ja nicht. Svenja war zuerst dran, und die hat diesen Quatsch mit der Cote d´Azur vorgelesen, den Schürmann wahnsinnig toll fand, und dann hat Kevin nochmal das Gleiche vorgelesen, nur dass die Cote d´Azur jetzt die Nordsee war, und dann kam ich. Mutter auf der Schönheitsfarm. Die ja nicht wirklich eine Schönheitsfarm war. Obwohl meine Mutter tatsächlich immer etwas besser aussah, wenn sie von dort zurückkam. Aber eigentlich ist es eine Klinik. Sie ist ja Alkoholikerin. Sie hat Alkohol getrunken, solange ich denken kann, aber der Unt…