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Es werden Posts vom 2017 angezeigt.

Aufgelistet #1: Peter Handke

"Sein Tag begann vielversprechend. Auf dem Fensterbrett lagen lanzenförmig ein paar Bleistifte zusammen mit einer Handvoll ovaler Haselnüsse."
(aus Peter Handke: Versuch über den geglückten Tag)


Vor Jahren habe ich meine Diplomarbeit über Peter Handke verfasst. Es ging darin um Peter Handkes Beziehung zur Bildenden Kunst und zum Sehen, gehört doch Handke zu jenen Schriftstellern, die sich sehr intensiv mit visuellen Fragestellungen auseinandersetzen. Ich habe es geliebt, an dieser Arbeit zu schreiben, dann allerdings habe ich  Peter Handkes Bücher aus den Augen verloren. Vielleicht war es eine Art "Übersättigung", ein zu langes Sich-Auseinandersetzen mit ein und demselben Thema. Ich weiß es nicht.

Nun allerdings - vielleicht durch die derzeitige vermehrte Medienpräsenz anlässlich seines 75. Geburtstages - habe ich wieder begonnen, in seinen Werken zu lesen. Vor allem in seinen Notizen und Tagebüchern, die so viele Sätze enthalten, von denen ich mir wünschen würde, d…

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Ich hatte den Film bereits zweimal gesehen, bevor ich das Buch las. Kannte also bereits den Inhalt. Dennoch berührte mich die Geschichte erneut, dieses zutiefst traurige Schicksal der beiden Protagonisten Hazel und Augustus, die beide an Krebs erkrankt sind. Sie lernen sich in einer Selbsthilfegruppe kennen, sie leidet an Schilddrüsenkrebs, eine Heilung ist nicht möglich, nur eine Verlängerung durch Medikamente. Augustus hat Knochenkrebs, scheint zunächst geheilt zu sein, doch seine Krankheit bricht im weiteren Verlauf des Buches wieder aus.

Was für ein Schicksal, denkt man sich im ersten Moment. Und es ist auch die Wahrheit. Dennoch ist es wohl eine der ergreifendsten Liebesgeschichten, die John Green hier beschreibt. Eine sehr kurze Liebesgeschichte, aber auch eine sehr intensive. Hazel und Augustus beweisen Humor, lieben das Leben und kämpfen. Sie werfen Fragen an das Leben auf, die jeder von uns auf die eine oder andere Art auch überdenken sollte. Ist es notwendig Spuren zu hinte…

Hoffnung hegen

was wäre wenn
von meiner hoffnung
alles abhinge
wenn man mich fragte:
übernimmst du
den kümmerlichen rest zuversicht
das übrige bisschen vertrauen
diese letzte winzige flamme
würde ich einstehen
für das wenige sorgen
nichts verloren geben

(Martina Kreidler-Kos)

Eigenartige Leute - Leser zum Beispiel

Ein süchtiger Leser ist einer, der auf der linken Seite der Straße geht und auf der rechten Seite der Straße an einem Geschäft einen kleinen Zettel sieht und der dann gezwungen ist, über die Straße zu gehen und jenen Zettel zu lesen - daß darauf nur steht "heute geschlossen", ist nicht einmal eine Enttäuschung - es entziffert zu haben, das ist Befreiung genug.

(Peter Bichsel)

Es schneit....

....Wenn es schneit, dann steht man irgendwie noch einsamer, weil man die Welt durch die treibenden Flocken so grau u. verschwommen sieht. Der fallende Schnee errichtet zwischen einem u. den anderen eine Wand. Das Schweigen wird noch größer. Oh, Lieber, mir ist, als lege sich der Schnee auch zwischen uns beide. Sag, waren wir einander nicht schon so na? Gehst Du denn schon fort von mir? Oh, lass mich jetzt noch nicht los. Ich müsste tief fallen, so tief.....

(Aus: Briefe an Otto H. von Hertha Kräftner)

Karl Ove Knausgard: Lieben

Karl Ove Knausgards "Lieben" ist der zweite Band seines insgesamt sechsbändigen, autobiographischen Romanprojekts, für das er bereits vielfach ausgezeichnet wurde. In "Lieben" beschäftigt sich der Autor mit seiner Beziehung zu seiner Ehefrau Linda und seinem Alltag mit den Kindern Vanja, Heidi und John. Einerseits möchte er ein liebevoller Familienvater sein, andererseits sucht Knausgard aber immer auch "Freiräume", in denen er sich dem Schreiben und dem Lesen widmen kann. Knausgard ist ein Meister, was detailreiche Schilderungen anbelangt, was auch sein Schriftstellerkollege und Freund Geir bestätigt, wenn er sagt: "Du kannst auf zwanzig Seiten einen Toilettenbesuch so gestalten, dass die Leser leuchtende Augen bekommen".

Es ist dieses tägliche Ringen um Zeit und Selbstverwirklichung von Menschen mit kleinen Kindern, das er beschreibt und das wahrscheinlich viele von uns kennen. Knausgard begegnet diesem "Kampf" aber mit einer erstau…

Nicht müde werden

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

(Hilde Domin)

Die Luft riecht schon nach Schnee

Die Luft riecht schon nach Schnee, mein Geliebter
Trägt langes Haar, ach der Winter, der Winter, der uns
Eng zusammenwirft steht vor der Tür, kommt
Mit dem Windhundgespann: Eisblumen
Streut er ans Fenster, die Kohlen glühen im Herd, und
Du Schönster Schneeweißer legst mir deinen Kopf in
den Schoß

Ich sage das ist
Der Schlitten der nicht mehr hält, Schnee fällt uns
Mitten ins Herz, er glüht
Auf den Aschekübeln im Hof Darling flüstert die Amsel

(Sarah Kirsch)

Du

Kennst du
das Märchen
vom Du

Du
bist es

(Rose Ausländer)

Versuch einer Definition

So nahe am Herzen
eines Menschen zu ruhn,
daß man vor lauter Glückseligkeit
schon zu müde ist, auch nur die Hand zu heben
nach seinem geliebten Gesicht -
oder auf seine Lippen
noch den einen Kuß zu hauchen,
den zu geben man so sehr verlangt, -

das ist Liebe.

(Christine Busta)

Da hilft alles nichts

es gibt einen ort im herzen
der sich nie ausfüllen lässt
einen raum
und selbst in den
besten augenblicken
und den herrlichsten
zeiten

werden wir es wissen

mehr denn je
werden wir es
wissen:
es gibt einen ort im herzen
der sich nie ausfüllen lässt

und

wir werden
warten und
warten

in diesem
raum.

(Charles Bukowski)

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Komm gestern zu mir
komm wieder
vorigen Sommer
Da will ich noch frei sein für dich
noch jung genug

Wir werden glücklich sein
wie vor der Sintflut die Tiere
und wenn wir durstig sind
spüren
Der Regen kommt

(Erich Fried)

Lektüreempfehlung:

Erich Fried: Warngedichte. Mit diesen Gedichten begann sein großer Erfolg als Lyriker.



Bleiben Sie Leser!

In der Zeitschrift "Lesen", die vom Magazin News herausgegeben wird, schreibt Heinz Sichrovsky:

"Eine Ankündigung des Bildungsministeriums hat mich kürzlich um den Schlaf gebracht: Schon die Volksschulkinder sollen künftig mit Tablets bemustert werden, und zwar als Teil des Lehrplans. Damit, so wurde ich weiter belehrt, sollten die Kleinsten in die Erfordernisse des Lebens eingewiesen werden.

Das hat eine gewisse Folgerichtigkeit, wenn auch keine gute. Kinder sind in diesem Alter noch begeisterte Leser, vorausgesetzt, ihnen werden die Grundlagen zugänglich gemacht. E-Books spielen in der kindlichen Welt noch keine Rolle. Kinder wollen ein Buch in Besitz nehmen und in der Hand halten. Bücher machen in der Klasse die Runde, werden empfohlen, verworfen und weitergeborgt. In zunehmender Zahl dringt aber auch schon das Smartphone in die Welt der Allerkleinsten vor. Es bietet leicht verfügbare Ablenkung, und wer selbst Kinder hat, weiß: Es ist der entschlossenste Konkurrent …

Silence

there are all kinds of silences and each of them means a different thing. there is the silence that comes with morning in a forest, and this is different from the silence of a sleeping city. there is silence after a rainstorm, and before a rainstorm, and these are not the same. there is the silence of emptiness, the silence of fear, the silence of doubt. there is a certain silence that can emanate from a lifeless object as from a chair lately used, or from a piano with old dust upon its keys, or from anything that has answered to the need of a man, for pleasure or for work. this kind of silence can speak. its voice may be melancholy, but it is not always so; for the chair may have been left by a laughing child or the last notes of the piano may have been raucous and gay. whatever the mood or the circumstance, the essence of its quality may linger in the silence that follows. it is a soundless echo. (Beryl Markham) 
Foto: Magdeleine/Annie Spratt




Beim Lesen von Adalbert Stifter

Ich lese nicht Stifter
ich werde von ihm gelesen:
geprüft
gewogen
gezogen
gemeistert
gebeutelt
zerschlissen
manchmal gelten gelassen
und nie
niemals verlassen

(Doris Mühringer)

Mehr von Doris Mühringer und Adalbert Stifter:









Sie und Er

Andrea de Carlo mag ich. Weil man in seine Geschichten eintauchen kann und immer das Gefühl hat, als würde man sich mitten im Geschehen befinden. Macht sich besonders gut im Sommer, wenn man in der Hängematte liegt, der Wind leicht weht, die Blätter rascheln und man leicht hin und her wiegt.

Sie und Er ist so eine Hängematten-Lektüre. Ein Buch wie gemacht für den Sommer. Man kann dabei das Meer rauschen hören, findet sich am Strand wieder, an dem ausgelassene Menschen Partys feiern und Gitarre spielen.

"Das Meer war eine ihrer großen Entdeckungen, als sie nach Italien kam; vorher war sie nur in öffentlichen Schwimmbädern oder in Teichen oder manchmal im See geschwommen. Die überwältigende Lebenskraft des um die Felsen schwappenden Salzwassers zu entdecken war eine Offenbarung für sie; sie glaubt nicht, dass sie je wieder darauf verzichten könnte. Die Durchsichtigkeit verzaubert sie, das Licht, das auf der Oberfläche schimmert und sie durchdringt, das ständige Farbenspiel von Hi…

So richtig Sommer!

Die Sommer damals. Man lag faul auf der Wiese, sah den Bienen zu, zuzelte gedankenlos an Grashalmen und erschlug zwischendurch eine Bremse. Immer erst nachdem sie gestochen hatte und ohne den geringsten Gedanken an Borreliose.

Die Unwetter nach der Hitze rissen tiefe Gräben in den Hang hinter dem Haus, die Kinder badeten in Regenlacken und ruinierten die nagelneuen Lederhosen. Das weiße Sommerkleid sah nach dem Schwarzbeerklauben aus wie ein Dalmatiner. Die Aufregung wegen des versauten Fähnchens war groß, aber die Beeren so süß. Wenn es im August ein paar Tage regnete, war der Sommer vorbei. Es war fast ein Naturgesetz, dass bald darauf Rudi Carrell aus dem Radio plärrte: Wann wird es wieder richtig Sommer?"

Schön war das. Diese ständige Sehnsucht nach einem Sommer, wie er früher einmal war. Darauf ist heute keiner mehr heiß. Ein Sommer wie damals - und alle stöhnen!

(Uschi Loigge/Kleine Zeitung 5. August 2017)

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Wie so oft bei Haruki Murakami: Eintauchen in eine Geschichte, die einen dann nicht mehr loslässt. Diesmal ist es die Geschichte von Tsukuru Tazaki und seinen Freunden, die während ihrer Schulzeit eine Einheit bilden. Vier der Freunde haben dabei einen Nachnamen, der eine Farbe beinhaltet, nur Tsukuris Nachname ist "farblos", worunter er sehr leidet. Eines Tages brechen die Freunde jedoch den Kontakt mit Tsukuru ab, ohne dass er den Grund dafür erfährt. Dieser Abbruch stürzt ihn in ein tiefes Loch. 16 Jahre später versucht er, der Sache auf den Grund zu gehen, da ihn das plötzliche Ende dieser doch ganz besonderen Freundschaft immer noch sehr belastet.

Obwohl Murakami den Roman in einem sehr ruhigen Ton erzählt, fesselt er den Leser. Man taucht ein in die Lebensgeschichte der fünf Menschen, erlebt mit, wie Tsukuru zum ersten Mal sein Land mit dem Flugzeug verlässt und nach Finnland reist, um dem Geheimnis wieder ein Stück näher zu kommen. Eine sehr wesentliche Rolle spielt …

Vorsicht

Einer gibt dir zu verstehen,
er habe dich ganz und gar
in sein Herz geschlossen.

Sag ihm,
du möchtest lieber
ein- und ausgehen darin,
wie´s dir behagt.

(Hans Manz)

Und so vergehen die Jahre

Die Windelzeit ist zu Ende, bald muss man keine Sandburgen mehr bauen. Der Impfplan ist erfüllt. Die Milchzähne fallen aus. Die Schule beginnt. Und eines Tages steht man irgendwo, und der Blick verklinkt sich mit dem eines fremden Mannes. Es brennt so scharf wie Meerwasser, das einem beim Tauchen in die Stirnhöhle gedrungen ist. Man schnäuzt sich und wendet sich ab. Aber man wird misstrauisch, sich selbst gegenüber, und die Annahmen über das eigene Leben geraten ins Wanken. Irgendwann wird der Verdacht unabweisbar, dass es zwischen damals und heute, zwischen der taumelnden Ungebundenheit und dem vollkommen geerdeten Familienwesen, doch noch Verbindungen gibt. Dass in dem sprunghaften, schnell ver- und entliebten Mädchen von früher wohl schon die verlässliche Mutter, in der Mutter aber immer noch ein Teil jenes Mädchens steckt.

(Aus: Eva Menasse: Quasikristalle)

Was ich habe

Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber
wo ich bin will ich nicht bleiben, aber
die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber
die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber
wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber
wo ich sterbe, da will ich nicht hin:
Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.

(Thomas Brasche)

Das Wörterbuch der Liebenden

Irgendwann gekauft und dann darauf vergessen. Beim Stöbern durch meine Bücher wiederentdeckt und an einem Nachmittag durchgelesen. Tief beeindruckt von dieser poetischen Enzyklopädie über die Liebe, sehnsüchtigen Sätzen, aber sich auch bewusst darüber, dass die Liebe auch seine Tiefen haben kann. Viele Sätze habe ich mir unterstrichen, manche schon mehrmals gelesen, da sie für mich eine ganz besondere Tiefe zeigen:

"Ein Schneetag. Die U-Bahn fährt nicht, dein Büro hat dichtgemacht, mein Büro hat dichtgemacht. Wir kriechen zurück ins Bett, übereinander, unter die Decken - frostige Luft, warme Körper. Kuscheln und machen den ganzen Morgen rum, packen uns dann dick ein zu einem Spaziergang durch die leeren, schneeverwehten Straßen, erleben die Stadt in ungewohnter Stille, die wir schließlich mit einer Schneeballschlacht zerstören. Eine Gruppe von Teenagern macht mit. Wir kommen durchgefroren und verschwitzt zu Hause an, lassen die heiße Schokolade erst mal überkochen, springen dann…

Mitten in der Schlacht

mitten in der schlacht ist ein
freundliches wort
gefallen
zwischen uns

da liegt es

wer wird es aufheben
und dabei sein
genick entblößen?

(Hans-Curt Flemming)

Mittagspause

Sie sitzt im Straßencafé. Sie schlägt sofort die Beine übereinander. Sie hat wenig Zeit. Sie blättert in einem Modejournal. Die Eltern wissen, dass sie schön ist. Sie sehen es nicht gern. Zum Beispiel. Sie hat Freunde. Trotzdem sagt sie nicht, das ist mein bester Freund, wenn sie zu Hause einen Freund vorstellt. Zum Beispiel. Die Männer lachen und schauen herüber und stellen sich ihr Gesicht ohne Sonnenbrille vor. Das Straßencafé ist überfüllt. Sie weiß genau, was sie will. Auch am Nebentisch sitzt ein Mädchen mit Beinen. Sie hasst Lippenstift. Sie bestellt einen Kaffee. Manchmal denkt sie an Filme und denkt an Liebesfilme. Alles muss schnell gehen. Freitags reicht die Zeit, um einen Cognac zum Kaffee zu bestellen. Aber freitags regnet es oft.

(Wolf Wondratschek)

Just Kids

Ich mag Menschen, die ein Ziel mit Disziplin verfolgen. Sich nicht abbringen lassen von Rückschlägen und immer wieder Möglichkeiten finden, um einen Schritt weiter zu kommen. Zu diesen Menschen gehören auch Patti Smith und Robert Mapplethorpe, die sich im Sommer 1967 in New York begegnen. Beiden haben den gleichen Wunsch: Sie möchten eine künstlerische Laufbahn einschlagen. Ihre Leidenschaft zur Kunst hält sie zusammen, obwohl sie manchmal kaum Geld haben, um sich eine warme Mahlzeit zu leisten:

"Unser erster gemeinsamer Winter war hart. Trotz meines besseren Gehalts von Scribner hatten wir sehr wenig Geld. Oft standen wir in der Kälte an der Ecke des St. James Place, von wo aus man sowohl den griechischen Imbiss wie Jake´s Malerbedarf sehen konnte, und wägten ab, wofür wir unsere sportlichen Dollars ausgeben wollten - schließlich warfen wir eine Münze, ob es gegrillte Käse-Sandwiches oder Künstlerbedarf geben würde."

Just Kids: Die Geschichte einer Freundschaft ist aber vor…